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NO TERROR IN THE BANG "Eclosion"

Künstler/Band und Albumtitel: 

Erscheinungsdatum: 

03-2021

Label: 

Genre(s): 

Aus unserem Nachbarland Frankreich habe ich in den letzten Jahren meist eher experimentelles, abgefahrenes Zeug auf den Tisch und zu Ohren bekommen, dieser quasi "Tradition" der musikalischen Herangehensweise schließen sich auch die aus dem nördlich gelegenen Rouen kommenden No Terror In The Bang an, die sich erst 2.019 gegründet haben und mit diesem Erstling titels "Eclosion"  für eine Menge Aufmerksamkeit sorgen dürften. Eine "Eklosion" kann man übrigens mit dem Schlüpfen eines Falters in Verbindung bringen, was Teil einer Metarmophose ist. Ob- und in wie weit dies eine Rolle im/beim Albumverlauf spielt, kann jede/-r für sich herausfinden. Das Sechstett an dessen Mikro Sofia Bortoluzzi steht, die u. a. auch munter mitkomponiert hat, scheint sich dabei nicht im Geringsten an Genregrenzen zu stören, sondern durchbricht diese mit der Abenteuerlust eines Kindes, das entdeckt hat, dass man einfach Loslaufen/-rennen kann und der Weg das Ziel ist. 

Der Vergleich liegt gar nicht so weit, zumal die kleinen Spieluhr-Assoziationen, die clever in "Saule Pleureur" (Track 1; übersetzt "Trauerweide") eingestrickt wurden, eine Art Kopfkinofilm anwerfen, den jede/-r mit eigener Fantasie füllen kann. Stilistisch spannt sich der Bogen zunächst einmal von Pop bis Chanson und erinnert an Breitbandkinomusik, die funkenartige Anflüge von Adele und kleinen Amy Winehouse innehat, bzw. der grosser Kinoproduktionen. Da wundert der (gefühlt plötzliche) Stilumbruch stark, der "Another Kind Of Violence" (Track 2; ANspieltip I) mit groovigen Riffs einleitet und die Tür zum Album regelrecht aufstößt. Die knackig kurzen Break-nahen Riffs werden jäh unnd abrupt unterbrochen, um eine Art psychedelische Bridge aufzunehmen, die in einen Pop beeinflussten-, leicht progressiv angehauchten Riffrocker mündet, der so bisher eher von Stilbrekern wie System Of A Down oder Korn bekannt ist, die beide auch ihre Spuren in diesem Stücken hinterlassen haben. Sängerin Sofia Bortoluzzi rennt dabei über die Stilfelder/-wiesen und bringt diese mit gefühlt spielerischem Ausdruck in ihre Vocals ein. Schon jetzt ganz grosses Kino in Sachen Skills. Natürlich könnte dieses Stück nicht so brillieren, ohne die kompakte Bandleistung (inkl. der Produktion), die stilistisch längst irgendwo im Crossover- und vom Metal geküsster Läufe angekommen ist. Dem Metal widmen sich No Terror In The Bang mit "No More Helpful Peace (Part 1)" (Track 3) auch intensiver und lassen die Metalcore Nähe walten. Packt man z. B. Exilia mit einer typischen Metalcore Band in einen Raum, könnte das hier dabei rauskommen. Mich beeindrucken immer wieder die fließenden Stilumbrüche und Übergänge, die es immer wieder schaffen sich im Stilfeld zu halten, die Grenzen jedoch komplett verschwimmen lassen. Genau das braucht die Musikwelt - einen erfrischenden Wind wie diesen, inmitten aller täglich bis zum Erbrechen runtergeduldeten Coversongs im Radio. Vor allem im Metal Genre haben da in den letzten 20 Jahren viele (einst junge) Bands die Grenzen verschoben und aufgeweicht wie einen Pappbecher im Regen. "No More Helpful Peace (Part 2)" (Track 4) weiß diesen Eindruck auf sanftmütig-pianogetragene Weise zu vertiefen und erinnert damit an modernen Epic Classic mit Pop im Herzen - "Die Ruhe nach dem Sturm", wenn man so will. Teils sogar an Billie Eilish erinnernd in Sachen Vibrato in der Stimme, allerdings noch eigen genug, um nicht zu kopiemäßig rüberzukommen. Das Album scheint teilweise wie an einem gesponnenem Faden durch die Zimmer eines Hauses zu laufen, in dessen Zimmern hinter jeder Tür neue Emotionsbilder warten, die No Terror In The Bang hier musikalisch in den Raum laufen lassen, bzw. diesen füllen - "Micromegas 16-12" (Track 5; Anspieltip II). Noch etwas von der eben gerade gehörten Ruhe beeinflusst, geht es relativ ruhigen Schrittes weiter, wobei das Stück von den Vocals her in Richtung Hip Hop Flow wächst und mit ultrafetter Dynamik per (nicht gerade Hip Hop typischen) Drumbeat als effektiv äußerst dienliche Unterfütterung ganz stark punktet. Und wenn man sich gerade auf diesen Stil eingelassen-, bzw. sich darin eingefunden hat, biegen NTITB mal eben plötzlich (nicht erahnbar) nach 1:50 Minute in eine Art Pro-Rock-Gemisch ab. Stellt Euch No Doubt etwas rockiger vor, inkl. Crossover zwischen Hip Hop Elementen und leicht roughen Gitarrenläufen, die die Melodie (unter)stützen. Ich gehe davon aus, dass das Kompositionsduo Alex Damien (Drums & Orchestrierung)/Sofia Bortoluzzi (Vocals) privat auch mal Body Count hört. 

"21 Grams" (Track 6) sucht erneut Klassiknähe zu Beginn und baut epische Klangbilder auf, die etwas von Unbeschwertheit innehaben. Alles Kalkül, um "Poison" (Track 7) den Weg zu ebnen? Dieses "Poison" ist übrigens nebenbei gesagt kein Alice Cooper Cover. ;-) Im Gegenteil hier schreiteen NTITB mit einem musikalischen Selbstbewusstsein über den fiktiven 'Red Carpet', dass man nur staunen kann. Von den Skills her sind NTITB mit globalen Wassern gewaschen und könnten sich in die Reihe diverser bereits etablierter-, aufstrebender Bands wie In This Moment, Miss Velvet And The Blue Wolf, Larkin Poe u. a. einreihen, die in letzten Jahren quasi aus den Nichts kamen und mittels ihrer starken Mucken reihenweise die Visitenkarte in den Ohren von Millionen Zuhörer/-innen weltweit hinterlassen haben. Was bei NTITB etwas auffällt, ist die Flexibilität des Gesangs, der sich immer wieder wie Butter in die Arrangements einfügt und das Groß-Ganze verschmelzen lässt. Das bleibt auch beim emotional offenherzigen "Insight" (Track 8; Anspieltip III) so, das erneut mit dem Überraschungsmoment/-effekt spielt und quasi wie aus dem Nichts mit Stilbrücken als Teil des Ganzen daherkommt. Hier merkt man dann auch mal den wörtlich annehmbaren, angebenden Ton des Kompositionsduos. Was hier getragen ruhig begann, mutiert zur biestig-energetischen, verrockenden Metalnummer, die auch mal Queen Einflüsse durchschimmern lässt. Wenn No Terror In The Bang nicht sämtliche Dinge falsch machen, dürften sie als Gewinner aus der Wüste der Coronapandemie hervorgehen und die Wirkung einer musikalischen Oase hergeben. Das wäre dann nach vielen Jahren (abgesehen von Gojira) eine französische Band, deren Weltformat sich zwar nicht unbedingt aufdrängt, aber durchaus durchsetzen könnte. Genug Metal haben NTITB definitiv locker zu bieten - "Uncanny" (Track 9; Anspielktip IV). Die kleinen progressiven Schlenker haben diese Dame + Herren sich mit spielerischer Leichtigkeit zunutze gemacht. Was etwas frech wirkt, ist schlichtweg handwerkliches Können. Ich bin schon jetzt gespannt wie NTITB das (sobald wieder möglich) Live on Stage umsetzen?!

Wenn man Titel wie "Preacher Of Steel" (Track 10) liest, könnte man meinen, dass NTITB sich hiermit auch querverweisend vor klassischen Old School beeinflussten Bands wie Steelpreacher (oder auch Savager?) verneigen, was jedoch vages Wunschdenken sein könnte?! Fakt ist, dass die Metal Einflüsse unbestreitbar Teil des Ganzen sind. Auch hier stechen wieder Billie Eilish beeinflusste Momente durch, was quasi als songdienliches Stilmittel fungiert und jeweils Beginn und Ende markant umrahmt. 

Erneut zwei Kapitel umspannend, geht es mit "Memory Of A Waif (Part 1)" (Track 11) erneut auf schaurig-düstere Pfade, die orchestral episch vollmundig inszeniert wurden. Dabei ist "Memory Of A Waif (Part 2)" (Track 12) das deutlich eindrücklichere Stück, zumal lauter und wieder zurück in Metalsphären. Besonders nach hinten raus vertieft sich die Gitarrenarbeit stellenweise noch einmal teppichmitgebend. "Broken Mind" (Track 13) empfielt sich als finale Mitgift und fährt nebst Spoken Words auch noch einmal gesanglich weltliches Kopfkino-Skills auf, die einmal mehr an In This Moment heranreichen, dabei allerdings auch Schauer-Abstecher in Richtung Billie Eilish Videoszenarien macht und das so gekonnt atmosphär-musikalisch verschnürt, dass man nur noch einmal final-unterstreichen kann, dass dieses Album ganz großartiges Breitbandkino für Ohren und Kopfkino hergibt. 

V.Ö. 05.03. 21

 

9,75/10 Schafe Schüsse

(M & O Music/Season Of Mist 2.021)

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Danny B

Schaf Schüsse: 

9
Eigene Bewertung: 9

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