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NO EXIT, THE BERMONES "Punk sei Dank" [Split Album]

Künstler/Band und Albumtitel: 

Erscheinungsdatum: 

09-2014

Label: 

Genre(s): 

Eine der schwersten Reviews steht mir nun bevor, eine Review, die mir so einiges abverlangen dürfte, weshalb ich diese auch nur in einem "One Way" Verfahren verfassen kann, zumal ich nach zwei intensiveren Hörgängen schon merkte, dass da noch immer ein hartes Stück Verarbeitungsarbeit im innerlichen Argen liegt, was den Tod von Puke Music Kopf und The Bermones Frontmann Bernd Böhm (R.I.F.) angeht. 

Erst neulich als ich Rio (No Exit) besuchte und wir uns über den Verlust von Bernd unterhielten (bevor Rio mir diese wahrscheinlich letzte Puke Music Labelveröffentlichung in Form dieser Split CD mitgab), kamen erlebte Szenen und jede Menge Gedanken wieder hoch. Gut, dass ich direkten Weges in den Urlaub abtauchen konnte und an der See Kraft tanken konnte, um mich an dieses verdammt harte Stück Emotionsarbeit zu machen diese Review zu verfassen. 

Ich habe beschlossen, dass diese Scheibe auch ausser Wertung läuft, sprich nicht(!) nach Punkten bewertet wird. Was in Sachen Reviewgegenstand von Bestand bleibt, ist der Versuch so konstruktiv wie irgend möglich zu bleiben, was mit Sicherheit nicht immer gelingen wird. Soviel vorab zu den Basisgegebenheiten bzgl. dieser Review.

Und damit wäre ich bei den Bandprotagonisten selbst. No Exit sollte jeder Punk im deutschsprachigen Raum kennen, zumal No Exit seit 1.991(!) schon durch die Lande ackern und ordentlich das Saitenholz/ Mikro schwingen. Eigentlich ist es aber Tatsache, so erzählte mir Rio an anderer Stelle, dass No Exit sogar schon seit 1.986 existieren, also sind die Berliner auch schon satte 24 Jahre (offiziell; mit Rio) bzw. genau genommen 29 Jahre (inoffiziell; ohne Rio in den Anfangsjahren) aktiv. In beiden Fällen können No Exit 2.016 ein fettes Jubiläum feiern. Für mich persönlich ist Rio eine Art deutsches Pendent zu Wattie Buchan (The Exploited), einfach, weil Rio ein Original mit jeder Menge Lebensgeschichte(n) ist, der sich selbst treu geblieben ist und genau das spürt man auch bei No Exit. Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Grundpfeiler des No Exit Sounds. Karma Punk quasi.

Die Anfänge von The Bermones gehen offenbar ähnlich weit zurück, laut deren noch aktiver Facebooksite fand die Band sich schon 1.987 in Ostberlin (sprich der DDR) zusammen, was einzelnen Bandmitgliedern auch Knastaufenthalten einbrachte, daher auch der Hintergrund, dass man jedes Bandmitglied mit "Icke" aufführte, um es den Behörden schwerer zu machen wer namentlich bei The Bermones aktiv ist. Mit den Mauerfallzeiten gehen die "Ickes" verschiedene Wege, die kurz umrissen in: Speiseschildkrötenfarm (*Kritikkeule für sowas Widerliches an dieser Stelle!) in Amerika, Studiomusiker bei der Vicky Leandros Revivalband, Strassenleben, Teppichladen und Rettungsschwimmer im Tropical Island mündeten. Ausführlich(er) kann man das dann auf der FB Site nachlesen.

Fakt ist, dass The Bermones 2.013 (offenbar 20 Jahre nach dem Aus der Band) plötzlich wieder in aller Munde waren und einige bekannte Gesichter der Berliner Punkszene Teil der Bespassung/ Besetzung waren. Ein Icke unter ihnen war der eingangs erwähnte Bernd Böhm, den man europaweit als Kopf von Puke Music und auch als (Berliner) Konzertveranstalter kannte. Laut FB Site sollte 2.013 eine erste Maxi CD veröffentlicht werden/ worden sein(?), allerdings kann ich nicht sagen, ob diese wirklich realisiert/ veröffentlicht wurde. Was ich aber sagen kann, ist, dass The Bermones eine satte Comebacksow im Rahmen des 10 Jahre Pukemusic Jubiläumsfestival im April 2.014 hingelegt haben und damit den Weg für weiteres legten.

Um es etwas abzukürzen, ein gravierender Meilenstein in der Bandhistorie im Leben beider Bands erschien im September 2.014 via Puke Music. Das Bild auf der CD, sowie die kleine Spassserie (die an Fotostories mancher Jugendzeitschriften in den '90ern erinnert; was sicher bewusst so angedacht war?) im Booklet mit Rio und Bernd als Protagonisten schnürte mir beim ersten Durchblättern regelrecht die Kehle zu und ließ mich spüren wie surreal mir diese Tragödie noch immer vorkommt. 

Und jetzt dreimal tief durchatmen, CD einlegen und ab auf die Reise, während der Jung da oben auf der Wolke Pogo tanzt und an seinem Bier nippt. 

Die erste CD-/ Albumhälfte gehört No Exit, die mit "Aufpassen" (Track 1) eine Rundreise durch ihr Schaffen von der Kette lassen. Es geht zuerst in 1:35 Minute zurück ins Jahr 1.994. Für No Exit Die Hards ist diese Split hier ein Must Have. ;-) Mit "Fahnen" (Track 2; Anspieltip I) lassen No Exit einen ihrer (meines subjektiven Erachtens) besten Neuzeitkracher um die Ecke biegen, der aktueller und wichtiger denn je ist. Den Videoclip zu "Fahnen" solltet Ihr auf jeden Fall mal anchecken. Anhand dieser Split CD, die in Sachen No Exit Compilationcharakter aufkommen lässt, kann man auch sehr gut die musikalische Entwicklung der Berliner nachvollziehen, was auch "Merlins Enkel" (Track 3; Anspieltip II) aus dem Jahr 1.989 unterstreicht. Vom Sound her hat man sich ins Kugelphone Studio von Anticops Frontmann Micha begeben, der diesen warmen Vinylsound quasi als Trademark innehat. Vor allem der Schlagzeugsound klingt hier schwer nach End-'80er/ Anfang '90er Produktion, was mir persönlich echt gut gefällt und die gedankliche Brücke zu frühen Werken des anderen Rio (Reiser) schlägt. Auf jeden Fall geht "Merlins Enkel" als eine Perle des No Exit Set klar. Vor allem Textstellen wie: "Es kommt zurück die Zeit der Lieder, die toten Kinder kommen wieder und haben haben sie die Kraft zu formen die Welt der Kindermacht." sind es, die von Gedankentiefe zeugen, denen ein schöner Reggaepart zu Fusse folgt und den Song optimistisch ausklingen lässt.

Was ich an No Exit besonders mögen lernte, ist die Tatsache mit welcher spielerischen Leichtigkeit sie den Fluss in Bewegung setzen und auch melodisch das Brett rocken. Ein gutes Beispiel dafür ist der "Partysong" (Track 4). Wenn das aber alles wär, wär es nicht No Exit. Beim Basslauf zu Beginn vom folgenden "Paula (Grau von die Kafkas)" (Track 5; Anspieltip III) flutet es mir sämtliche Synapsen mit Dopminen in Höchstqualität. Die Intensität mit der Rio's Stimme "Ist das nicht alles grau?" einsetzt, lässt Gänsepelle (= Gänsehaut) im Soforteinsatz hochschnellen. Wow, wat ein Songbeginn. Fett, fett, fett! 

Es muss eben nicht immer hochnotiert zugehen, einfach, aber mit ganz viel Herz und Seele! Dann rockt es oft noch fetter, so wie es auch der Refrainteil hergibt. 

Der letzte No Exit Song -"Regina" (Track 6); aus dem Jahr 2.013- auf dieser Split wäre unter Normalumständen 'ne klasse Funpunk Nummer geworden, wenn da das Songende nicht Tiefganggedanken und Klöße im Hals mitgebracht hätte. Der Song wurde so platziert, dass der Bermones Gastpart am Ende des Songs (vom The Bermones Frontmann) die perfekte Überleitung zur zweiten Albumhälfte dargestellt hätte, im Nachhinein aber die Tränen in die Augenwinkel treibt und fiktive Klöße im Halse stecken lässt. 

Der Übergang zur Albumhälfte mit The Bermones fällt mir in diesem Moment alles andere als leicht. Ich mahne mich mich zusammenzureißen und drücke wieder "Play".

Mit der Haushymne "The Bermones" (Track 1) geht es auf die konzeptionelle Funpunkreise. Innerlich drohen mir für die ersten Momente alle Dämme zu brechen, doch irgendwie schaffe ich es durch diesen Opener und lande bei dem Udo Jürgens Cover "Geradeaus" (Track 2), das echt ein verdammt beinhartes Stück im Kontext aller Geschehnisse ist und mir erneut die Kehle zuschnürt. Mir wird bewusst, dass ich in diesen Momenten die härteste Review ever verfasse. 

Der Anfang von "Winterzeit" (Track 3) rauscht an mir vorbei. Ich versuche mich gedanklich wachzurufen und die Bermones als Band auf mich wirken zu lassen, was mir nicht komplett gelingt. Mit "Frühstücksei" (Track 3; Anspieltip I) kommt in 1:39 Minute ein irgendwie Bernd-typischer Song, der allerdings textlich offenbar (genauso wie alle weiteren, restlichen Songs) von einem gewissen Leopold Meierbrecht stammt. Genauso passt sich "Berlin" (Track 4; Anspieltip II) bestens in Bernd's Sicht der Dinge ein. Bei diesem Song schwingen irgendwie auch Bilder aus Zeiten mit in denen sich der Bauboom in Berlin noch in Grenzen hielt und man in Friedrichshain z. B. noch echte Subkultur riechen und spüren konnte. Mit "Punk" (Track 5; Anspieltip III) kommt zum Abschluss der Song, der mein letztes Bild von Bernd nachhaltig in mein Herz, in meinen Kopf gemeißelt hat. "Abschied ist ein scharfes Schwert" sang Roger Whittaker einst so treffend.

Ebenfalls auf der CD findet sich je ein Videoclip von beiden Bands. 

Ich habe es tatsächlich hinter mir. Hartgang pur. Seelisch noch einmal böse aufgerieben, bleibt mir nichts als erneut einige Male tief durchzuatmen und die Gedanken neu zu ordnen. Felshart. 

Vermutlich kann ich mir diese Scheibe zwar nicht öfter geben, aber einen Ehrenplatz hat sich sicher, im Herzen wie auch in meinem restlichen Leben.

 

-/ 10 Schafe Schüsse

(Puke Music/ Broken Silence 2.015)

http://www.noexit-berlin.de/

https://www.facebook.com/TheBermones

Danny B

Schaf Schüsse: 

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Eigene Bewertung: Keine

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