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GROBER KNÜPPEL "Futter für die Aussortierten"

Künstler/Band und Albumtitel: 

Erscheinungsdatum: 

03-2018

Label: 

Genre(s): 

Es ist einige Zeit den sprichwörtlichen Bach runter, seitdem das letzte GK Album für das übliche Unbehagen bei vielen sorgte. Nicht lange nach "Angepisster deutscher Albtraum" (*2.014) überlebte Frontröhre Van der Lubbe einen schweren Autounfall nur knapp und es brauchte Zeit bis der einstige "Sohn der Tarantula" an neuem GK Material werkeln konnte. Die Band Grober Knüppel hat dennoch nichts von ihrem rüdem Metzgercharme eingebüßt und polarisiert noch immer, vor allem dort, wo man sich mit dem Background der Bandmitglieder so gar nicht befasst zu haben scheint?! Um es mal mit etwas Intellekt auf den Punkt zu bringen: Kunst darf fast alles. Und sollte die Grenzen auch ausloten dürfen. Extreme Zeiten bedürfen manchmal extremer Mittel, um aus der Lethargie der "Couchrebellion" zu reißen. Bislang habe ich bzgl. des GK immer gerade von denen die lautesten Shitstorm-Unkenrufe vernommen, die weder eine echte, konstruktiv-faire, faktenbasierende Diskussion wollen, geschweige denn etwas davon wissen wie der Dreck von räudigen Lebens(pf)lastern dunkler Zeiten schmeckt. Sicher, man muss nicht jeden Song des GK mögen oder gar abfeiern, aber dann doch bitte (wenigstens) mit einer unvoreingenommenen Herangehensweise erst einmal checken, bevor man das (oft nichtssagende) Maul aufmacht. Es gibt z. B. genug auf hart machende Idioten, die nicht mal wissen, wie sich ein Aha-Erlebnis mit The Exploited oder den Sex Pistols z. B. einst bei der Erstbegegnung mit den Ohren anfühlt(e), aber genau die wollen dir etwas von Punk ranschwallen, weil sie z. B. G.G. Allin (R.I.P.) vergöttern, der im Grunde einiges an Gemeinsamkeiten mit dem GK innhat. Es darf also durchaus bigott erscheinen, wenn manche sich zum Szenebullen berufen fühlen. Punk ist zwar selten heutzutage, aber wenn, dann ist es eine Lebenseinstellung, die ihren Anker im Herzen der Weiter-Bewegung/Entwicklung hat.

GK jedenfalls sind gerade mit ihrem neuen Album "Futter für die Aussortierten" um die Ecke gebogen, sicher nicht ohne ein Pathosbild, das zum Punk-Ethos passt. Rüde, wild, charmant uncharmant und willig auch dem Hardcore/X-Over und Metal Raum zu lassen. Und das führt direkt zum Opener "Dem kalten Land ein brennendes Herz" (Track 1), der gedanklich an "Angepisster deutscher Albtraum" anknüpft, vom Sound her aber scharfsaitiger und frischer klingt. Klar klingt die Produktion zeitgemäßer als das letzte Album, wer vom GK eine Sound-Kopie vom Vorgängeralbum erwartet hat, ist irgendwo pappen gelieben, schließlich ändern sich die technischen Studiomittel ständig. Vor allem Bass und Schlagzeug bilden dieses Mal eine echt amtliche Kernsäule - "Schwefel" (Track 2; Anspieltip I). Van der Lubbe rechnet über diese beiden Einsteiger mit Ansage ab. Wer den rohen "Sin City" Spirit je gespürt hat, wird hierbei auch die Atmosphäre nachvollziehen können, die leider reale Tatsache der heutigen Welt ist. Musikalisch geht es Crossover-nah zu, mit Hardcore Elementen im Anschlagswinkel. Den rüden Ruhrpottcharme brauche ich sicher nicht mehr erwähnen?! 

Van der Lubbe resp. der GK tritt kollektiv mit musikalischer Abwechslung und fetten Groove-Saitenschüben den "Club-Elitekreisen" der Selbstherrlichkeit (was selbst in Punkkreisen um sich greift) in den Arsch, weil diese Elitärtypen/-frauen nur unter bestimmten Voraussetzungen fiktiver Checklisten Zutritt gewähren - "Wenn's sein muss mit Zwang" (Track 3). Ab Songmitte ist man wieder im "Vollgas..." Tempo des "Unbeugsam" (*2.010) Albums zurück. Auch "Platz für dich" (Track 4) wird sich keine Freunde im Kreise überkorrekter Fingerzeiger unter den Szeneoberlehrern machen. Thematisch geht der GK unverblümt ins Innere und zeigt wie viel Oberflächlichkeit(en) in diesen Zeiten steckt. Künstlerisch bewusst weit überspitzt und so hässlich dargestellt wie manche Two-Faces real-tatsächlich sind. Das wäre in den '90ern 'ne astreine Punkhymne geworden. Der dazugehörige Videoclip ist jedenfalls weder etwas für Muttis Besserwisser, genauso wenig für die zartbesaiteten Gemüter. Fans von Horrorstyle bekommen hier erste Happen des lang geplanten Splatterfilms des alten Ego "Harro" von Van der Lubbe mitgeliefert. 

Mit dem "Adrenalinspiegel" (Track 5; Anspieltip II) geht es zurück zum Tempodrive-Hardcore/X-Over. Um diese Nummer kommen GK live zukünftig definitiv nicht rum. Zwar an mancher Stelle kleine sperrige Breaks/Übergänge, aber dafür geradewegs frisch. Kleine Pantera Reminder im Saitenanschlag inklusive. Da braucht man nicht mehr zynisch "Alles Gute" (Track 6) wünschen, sondern bekommt es frei Haus. Intoniert mit Volksmusiksgewäschs-Sample, fahren GK eine Riffwand auf und klopfen die Schizophrenie der Gesellschaft in den wirtschaftlich Machthungerländern ab. Vor allem dieses Land bzw. Berlin bekommt verdientermaßen sein Fett weg. Stichwort: Bauboom, Immobielwahnsinn, Szene-Elitengehabe, Verdrängung... das Szenario, das Van der Lubbe malt, könnte tatsächlich eines Tages noch sehr viel realer bewusst werden. Es braucht zwar ein paar Durchläufe bis man gerade diesen Song in seiner komplex-kompletten Machart versteht, aber es lohnt sich. (meines subjektiven Erachtens) Da passt "Den Bach runter" (Track 7; Anspieltip III) ziemlich gut ran. Solch' ruhige Töne sind selten beim GK, ja regelrecht neu. Der Blick in die Gedankenwelt und all' die täglich umgebenen Dinge, bringen einen echten Ohrwurm mit. So manche Band bekommt solche Art glaubwürdig-nachvollziehbare Lieder nur deshalb nicht zustande, weil man solche Lieder nicht schreibt, wenn man den Bezug zum echten Leben verliert und nur noch für das Geld der "Fans" lebt. Nach "Ihr kriegt mich nicht klein" eines der besten "ruhigeren" GK Stücke ever. Musikalisch, wie auch textlich top, weil: ECHT. 

Erst im letzten Albumviertel kommt mit "Monster" (Track 8) ein Biest an Eure Haustüren. Kann man mal fies durchbraten lassen. ;-) Die schweren Füße wechseln mit leichtfüßigen Humor "Ich hasse Post" (Track 9). Selten, dass ein GK Song in Richtung Billy-Rock mit X-Over kombiniert abschiebt und live so manchen zum Abgehen bringen dürfte.

Mit "Erste Welt hinterer Platz" (Track 10) geht es zurück in Richtung Untergangs-Wirtschaftsmodell. Der einschneidende Umblick wurde musikalisch verdammt krass verpackt, was die Ohren, samt Seele, bluten lässt. Da fällt es nicht ganz leicht zum Frohlocker "Mädchen aus der Platte" (Track 11; Anspieltip IV) überzugehen. Aber das erledigt dieser Ohrenfänger selbst. "Erdbeermädchen", "Meine Süße" war quasi selbsttönend gestern. Am Ende dieser GK Rückkehr steht mit "Niemand" (Track 12; Anspieltip V) eine weitere Realitätsbestandsaufnahme dieser Zeiten an, die dieses Album zu einem schmerzvoll-ehrlichem Spiegel macht, den der GK rausgehauen/geschliffen hat. Manchmal kann man aus Scherben die besten Sachen basteln. Das ist dem GK mit "Futter für die Aussortierten" definitiv gelungen. 

9,0/10 Schafe Schüsse

(Asphalt Records 2.018)

http://www.der-gk.de/

https://www.facebook.com/gknueppel/

Danny B

Schaf Schüsse: 

9
Eigene Bewertung: 9

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