Neuen Kommentar hinzufügen

Bild des Benutzers DannyB

IGORRR "Spirituality And Distortion"

Künstler/Band und Albumtitel: 

Erscheinungsdatum: 

03-2020

Label: 

Genre(s): 

Was dem Bandnamen nach wie ein eisiger Gruß aus Sibirien klingt, ist letztlich nichts anderes als die Spielwiese des französischen Muckers Gautier Sierre, der bislang für die Vereinigung von Metal und Barrockmusik, sowie Breakcore bekannt ist. Bereits seit 2.006 veröffentlichten Igorrr einige Demos, die den Weg in regelmäßigen Flow ebneten und bislang eine recht stattliche Anzahl an Veröffentlichungen im Backkatalog vorweist. Mit dem aktuellem-, im März veröffentlichen-, hier vorliegenden Neuwerk "Spirituality And Distortion" enterten Igorrr sowohl hierzulande-, wie auch in der Schweiz erstmals übverhaupt die Charts. 

Zwar errreichte mich das Album wieder einmal sehr spät, jedoch soll mich diese Tatsache nicht daran hindern einen Erstcheck dieses Projektes/dieser Band(?) zu wagen. 

Mit "Downgrade Desert" (Track 1; Anspieltip I) geht es mit leicht exotischen Klängen, die mich spontan an Asien erinnerten, in den Abtauchgang von "Spirituality And Distortion". Was nach knapp über einer Minute schön satt loswummert, stößt auf ersten Anklang in den Ohren. Native Gesänge alias Dead Can Dance, die u. a. auch aus dem klassischen Heavy Metal (sogar aus der klassischen Opernschule) schöpfen und auch tieferen Death Metal zuzwinkernden Gesang zulassen und sich fett von Bass und Schlagzeug einwickeln lassen, sorgen für ein erstes Achtungssignal mit Weckruf. Schnell steht fest, dass man hier keine gewöhnliche Massenware hört. Im Gegenteil. Klassikanteile werden direkt zu Beginn von "Nervous Waltz" (Track 2) in moderne Schnittmuster eingebettet, die sogar Groove zulassen. Seit dem phnönixhaften Aufstieg von Bands wie Theatre Of Tragedy oder Nightwish habe ich nicht mehr solch' frische Klänge aus diesen stilweiten Metierfeldern gehört. Hier wechselt sich Moderne mit Klassik ab und hält den Spannungsbogen auf sonderbar cleverer Weise auf High Standard Level. Die teils abgedreht experimentellen Ansätze (inkl. Electrospielereien) erinnern an Pioniere wie The Prodigy - "Very Noise" (Track 3). Wer also auf übersattem Bass in der Magengrube abfährt und hektisch wirkende Trip Music mag, sollte hier mal ein Ohr riskieren. Auf musikalisch handwerklicher Ebene von Progressive/Free Jazz (un-)Strukturen geküsst, geht es zu "Hollow Tree" (Track 4) weiter. Das Stück lebt von der emotionalen Darbietung von Laure Le Prunenec, die sonst offenbar eher im Opern-Metier zu Hause ist. 

Regelrecht orientalisch (im Wortsinn!) geht es indes beim folgenden "Camel Dancefloor" (Track 5; Anspieltip II) zu, bei dem wie aus einem Guß mit indischer Folkore und satten Beats gespielt wird. Beeindruckend kommt dieses Stück auch ohne Gesa(e)ng(e) aus. Entziehen kann man sich dem Stück dennoch nicht. Was dann jedoch mit "Parpaing" (Track 6; Anspieltip III) an Tieftönerkost serviert wird, ist schon aus einem dermaßen tief-schwarzem Loch geholt, dass es gefühlt gnadenlos plattwalzt. Nicht nur, dass Mr. George "Corpsegrinder" Fisher (*Cannibal Corpse) höchst-himself ins Mikro brüllt/shoutet, sondern auch die frech-frische Umsetzung in Sachen Drumming schält hier gefühlt jedem Drumcomputer das Innere raus. Unglaublich wie tricky-trippy es zugeht, knarzt, walzt und schnalzt. Und mittendrin der hünenhafte Protagonist, der betonartig wie ein David Vincent (vergleichsweise) nicht umzuhauen ist. Da kann es nur noch wundern, dass Igorrr ausgerechnet mit Akkordeon(!)klängen auf Blast Beat unterwegs folgen und "Musette Maximum" (Track 7; Anspieltip III) vor den Bug setzen. Eine Wahl hat der/die Hörer/-in nicht. Das Ganze wird ad abusurdum zelebriert und zwischendurch sogar in Black Metal Gefilde ent-/geführt. Das Ganz macht regelrecht bekloppt und kann nur mit "derbe freaky" umschrieben werden. Wer von Euch in der musikalischen Vergangenheit bereits Gefallen am Ausnahmeprojekt Pan.Thy.Monium fand, wird hier hellhörig verzückt werden, zumal diesem Album hier und da auch 'ne Menge Anarchowind durchzieht. 

"Himalaya Massive Ritual" (Track 8; Anspieltip IV) schließt etwas strukturierter auf und bedient sich auch einiger Death- und Black Metal Beigaben, die mit catchy Groove/Drive garniert wurden. Man wähnt sich dank der speziellen Gesänge tatsächlich himmelsnäher. Musikalisch wächst das Geschehen in Götterbombast und wird von sicherem Groovelauf flankiert. Selten habe ich, abgesehen von frühen Nightwish, ähnlich abwechslungsreiches Breitbandkino auf musikalischer Ebene erlebt. Auf ähnlich gefühlten himmlischen Wegen springt die Musik harfenähnlich von Wolke zu Wolke - "Lost In Introspection" (Track 9) und geht direkt zur Seele. Die Trip Hop Beats mit Versatzstücken aus Breakcore und Klassik, sowie PC Age gemischt wird gerührt und verschmolzen, dass man nur noch in Ehrfurcht vor so viel massive Skills staunen kann. Dieses Album hat etwas von Mozart'schem Wahnsinn und New Age Genialität zugleich. 

Immer wieder sind es vor allem exotische Stilmittel, die Teil des Ganzen sind und auch mal auf reine Stilflächen der klassischen Oper führen, nur um kurz darauf in metallischen Bombast zu fliehen - "Overweight Poesy" (Track 10). Immer wieder sind es auch die Trippy Beats, die elektrisiert durch den Äther jagen, nur um kurz darauf den Saitendrive abzulaufen - "Paranoid Bulldozer Italiano" (Track 11; Anspieltip V). Was hier an Screamocore und Breakcore in den Kopf genagelt wird, ist schon einmalig im derzeitigen Musikkosmos. Extrem schwer zu umreißen. Man muss es schlichtweg gehört haben! 

Dass "Barocco Satani" (Track 12) folgend kaum noch verwundern kann im ganzheitlichem Staun-Gang, kann man fast ein wenig erahnen. Die emotionalen Operngesänge lassen kaum Wünsche in Sachen Intensivtiefe offen und stellen damit beachtlich hohe Konkurrenz zu Nightwish und dürften über kurz oder lang am jahrzehntelang besetztem Thron rütteln und folglich die Regentschaft übernehmen. Wobei ich mir durchaus auch Tarja Turunen perfekt inmitten eines Igorrr Albums vorstellen kann. Und während sich diese Vorstellung in mir ausbreitet, reißt mich "Polyphonic Rust" (Track 13; Anspieltip VI) per indianisch anmutenden Gesang aus den Gedanken und entführt mich zurück in den Hörgenuß. Dieses Stück ist eines derer, die ich immer wieder auch außerhalb des Albumkontexts hören kann. Regelrechte Musikmagie wie sie einst von den Ikonen Queen 'gen Olymp geführt wurde. Queen Einflüsse gibt es auf "Spirituality And Distortion" eine Menge zu hören. Im Finalgang gibt es per "Kung-Fu Chévre" (Track 14) noch einmal einen Karneval der Kulturen und Stilmittel der Extraklasse, was selbst mit Folk Metal Einflüssen zelebriert wird und den Ball selbstbewusst abrundet. Nur ein Wort zu diesem Album: UN-fuckin'-GLAUBLICH!

Schafe Schüsse Hammermarke!

10/10 Schafe Schüsse

(Metal Blade Records/Sony Music 2.020)

http://igorrr.com/

https://www.facebook.com/IgorrrBarrroque/

Danny B

Schaf Schüsse: 

10
Eigene Bewertung: 10

Review No.: 

Tags: 

UndTschuess