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THE IDIOTS "Schweineköter"

Künstler/Band und Albumtitel: 

Erscheinungsdatum: 

05-2019

Label: 

Genre(s): 

Die Schweine im Weltall können wieder ihre Flugbahnen abstecken, bzw. anchecken, denn Ende Mai geht mit "Schweineköter" ein neues Album der Dortmunder Punkikonen The Idiots über die Theken der Plattendealer Eures irdischen Vertrauens. Ein halbes Jahrzehnt nach "Gottsei Punk" (*2.014) haben The Idiots die Ketten neu geschmiedet und gestrafft, die "(I) Wanna Be (Your) Dog" Sir Hannes Smith, der nicht erst seit dem grandiosen Stooges Cover auf Augenhöhe mit der europäischen Musikgeschichte ist, momentan noch hinter der Theke seines Plattenladens halten. Das Schöne an der neuen Platte ist (ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen), dass sie wieder einmal überrascht und jeglichen oft wiedergekäuten Allgemeinformeln widerspricht, was bestens zu der mittlerweile seit 41 Jahren bestehenden Band (mit kleinem Break, ohne Dance) passt. 

Mit "Bastard" (Track 1) zieht die Band gemeinsam den tatsächlichen, synonymisierten "Schweineköter" in Richtung Face to Face, um ihm mittlels Albumverlauf den (gesellschaftlichen System-)Spiegel vorzuhalten, der längst Spuren des Verfalls voraussagt. Doch zunächst zeigt sich der stilsichere "Idiot" Punklike und fordert auf die Ohren (und Herzen) aufzumachen. Das tut man dieses Mal in englischer Sprache, was den Nebeneffekt mitbringt, dass man daran erinnert von welcher (welchen) Insel(n) Punk einst zu uns herüberschwappte. Von der Soundproduktion her bleiben The Idiots nah an "Amok" (*2.012) und "Gott sei Punk". Vom Spiel her sind The Idiots nach wie vor stimmig unterwegs, wobei man nach diesem Opener noch einige Songs mehr braucht, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo The Idiots anno 2.019 musikalisch stehen. Just die Headline Punk/Punk Rock steht felsenfesten Standes. Aber auch Metaleinflüsse, genauso Alternative Rock, haben zumindest Sir Hannes Smith definitiv auch über all' seine aktiven Musikerjahre mitgeprägt, was bereits in "Dead Heroes" (Track 2; Anspieltip I) nicht nur inhaltlich-, sondern auch musikalisch, unterstrichen wird als sei's der farblich passende Schwarzkajal unter den Augen des Idiots Frontmanns. Stimmlich teils (erneut) nah an Johnny Rotten, musikalisch unterschwellig zu Beginn an The Exploited's "Troops Of Tomorrow" erinnernd, geht hier ein liebevolles Stück Herztribut an diverse, leider verstorbene Musikikonen raus. Dank der Chorus-Singalongparts und der clever ausgewogenen Mischung, dürfte dieses Stück zum anreichernden Bestandteil der zukünftigen Idiots Live-Setlist werden. Hat Sir Hannes einmal sein Herz geöffnet, tut er es nicht mit halben Schub, im Gegenteil mit "Liar" (Track 3) bringt er ein teils sehr offenes, selbstkritisches-, teil bewusst überspitztes Stück zu Ohren. Vom Arrangementaufbau bleiben The Idiots zwar bei ihren bewährten Zutaten, wirken erstaunlicherweise aber wie nach einer Frischzellenkur. 

Zwischen cooler Sid Vicious Attitude und schnittigem Schweineköterbiss, geht "Flat Rate Boy" (Track 4; Anspieltip II) butterweich rein und fährt lässigerweise 'ne fein abgewogene Portion Rotzraus auf. Der groovige Punch ist genau aus der Art Zucker, den der zugeneigte Idiots "Affe" braucht. ;-) Vom Punkigen (leicht Metal beeinflussten) Rock schlagen die Dortmunder mit "Gotteskrieger" (Track 5) die Brücke ins Ska Genre, bleiben aber mit Druck auf den Saiten und Fellen mit einem Bein standfest im Rockbereich. Selten haben Zeilen wie "Ich bin ein Gotteskrieger mit Kirchenverbot, ein Chamelion - ein Phantom - ein Idiot, ich bin ein Gotteskrieger mit Kopftuchverbot, unbestechlich bis zum Tod." einen so clever-genialen Spagat zwischen Lebensvita und Gesellschaftskritik (bzgl. Heuchelei im Miteinander) hingelegt. Allein diese Zeilen, die auf den ersten Blick schlicht/einfach wirken, unterstreichen im Umkehrschluss den underrated State dieser Band. Wer sind also letztlich die tatsächlich Ver-/Entrückten? ;-) Der abrupte Schluss des Stückes hingegen gibt das Sahnehäubchen an Unberechenbarkeit echter Kunst mit. 

Erneut mit The Exploited Nähe im Lauf, kommt mit "Plastic" (Track 6; Anspieltip III) ein Stück auf, das mich inhaltlich von den Grundgedankenzügen an "Plastic & Concrete" (*aus dem Jahr 1.993) von Iggy Pop erinnert, was einen sympathischen Nebeneffekt innehat. Im Booklet der Platte findet man die Lyrics nicht abgedruckt, was möglicherweise aus Platzgründen so ist? Dafür geht das Stück selbst keifend und mit jeder Menge "Toll-Wut" von der Kette. 'Ne astreine Pogonummer, die mächtig Bock macht. Etwas "less Tempo" setzt "Devil Is God" (Track 7) dagegen im Anschluss frei und schickt 'ne Menge catchy Hüftschwung durch die Gehörgänge. Ich überlege intensiv ob/wann ich zuletzt eine solch' eingängige Nummer (mit Popmelodik-Hooks) von The Idiots gehört habe? Eigentlich kennt man solche Art Nummern eher von Honigdieb (*Sir Hannes Smith's andere Band). Letztlich erweitert dieses Stück die Facettenbreite der Idiots bereichernd. 

Zu den wenigen deutschsprachigen Stücken auf "Schweineköter" gesellt sich u. a. "Maniac" (Track 8). Nicht nur das fachgerecht gerollte "R", das Sir Hannes bereits in den '80er Jahren verwandte (lange bevor es zum Rammstein Trademark wurde), ist erneut im Idiotenzentrum am Start, sondern auch der zwinkernde Wahnsinn, der hier realitätswahr um sich greift. Bei den öffentlich fischenden Oberlehrerfingern und Puristen, die den gesamten Text zu bitterernst analysieren, wird gerade dieses Stück vermutlich stark polarisieren. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen jede/-r eine Meinung zu allem hat, dürfte das am Ende auch nicht verwundern. Musikalisch gesehen ist "Maniac" ein relativ typisches Idiots Stück. 

Vom "Mädchen mit den roten Haaren" entfernt, haben The Idiots einen neuen sexy-smarten Flirtsong geschrieben, der mit "Punk Rock Queen" (Track 9; Anspieltip IV) ebenfalls mit hoher Eingängigkeit Ambitionen als neues Livesetbestandteil anmeldet. Leichte Kost trifft auf amtlichen Punk Rock. Schönet Ding Dong! Selbst Hip Hop Ansätze (was die Vocal Lines betrifft) kommen zum Zuge und bringen mit "Mach' Dich Messer" (Track 10; Anspieltip V) für meinen Geschmack einen der besten Idiots Songs überhaupt zu Gehör, der stilistisch auch locker auf "Amok" oder "Gott sei Punk" hätte sein können. Vom Niveau/Level her setzen The Idiots mit "Fake News" (Track 11; Anspieltip VI) sogar noch eine Schippe obendrauf (kleine Minsitry Einflüsse inkl.), was allerdings eher Punk Rock zugeeicht abfährt und den völlig überfluteten "Schweineköter" (dessen Wechselspiel auf dem Album zwischen Gesellschaft und textlicher Perspektive stark angelegt/inszeniert wurde) erneut mit ordentlich Schaum vor'm Mund laut keifen und bellen lässt. 

Im Finale setzt das Albumtitelstück "Schweineköter" den Ausruf hinter sein Zeichen und damit insgesamt gesehen auch hinter dieses sehr ausgewogene Album, das deutlich mehr Spaß macht, wenn man es nicht nebenher, sondern intensiv hört. Mit anderen Worten: The Idiots machen keine Musik zum Durchwinken oder Verbraten, hier ist nicht nur Hirn, Leidenschaft und Kreativität im Highlevelflow, sondern auch 'ne Menge Herzblut am Start. Für mich jetzt schon ein ganz klarer, heißer Anwärter auf das Punk Rock Album des Jahres. 

V.Ö.: 31.05.19

 

9,5/10 Schafe Schüsse

(Idiots Records/Soulfood 2.019)

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http://www.idiots.de/

Danny B

Schaf Schüsse: 

9
Eigene Bewertung: 9

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