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MATT GONZO ROEHR (BÖHSE ONKELZ)

MGR, Foto: Alex Laljak©

 "Bereit neue Wege zu beschreiten"

 

Unglaubliche drei Jahre ist es her, dass ich mit Matt Gonzo Roehr sprach. Vor drei Jahren, also quasi einen Atemzug vor der Reunion der Böhsen Onkelz, die hierzulande das Geschichtsbuch der Musik wie keine andere mitgeschrieben haben. Doch nicht nur polarisierende Kontroversen sind Teil der Historie der Frankfurter, sondern (was viele nicht wissen bzw. es gar nicht wissen wollen) auch jede Menge Courage gegen Gewalt oder auch der stille-, aber massive Support diverser sozialer Projekte in verschiedenen Ländern in den zurückliegenden Jahrzehnten und das alles ohne die Hilfe der medialen Welt, ganz im Gegenteil. Während die Medien zu großen Teilen bemüht waren ein Bild aufrecht zu erhalten, das von Teilwahrheiten und übereifrigen Geschichtenerzählern lebte, die eine Art persönlicher Hetzjagd vollführten, indem die Stories immer mehr der Sensationsgier unterirdischster Couleur zugeführt wurden, hatten die Böhsen Onkelz nur den einen Weg, den des offenen Wortes. Manch' eine/-r wollte nicht hören/lesen wie sich die Sachverhalte tatsächlich verhielten, Andere hörten zu und gaben ihnen eine faire, menschliche Chance. 

 Das Phänomen Böhse Onkelz befindet sich bereits mitten im Zenit der vierten(!) Dekade und noch immer gibt es Leute, die die Böhsen Onkelz eher heimlich lieben, wie einen scheinbar unerreichbaren Schwarm, nur eben mit dem Unterschied, das die Onkelz einer Liebe/Beziehung entsprechen, die so gar nicht rostet oder rastet. Und diese "Liebesbeziehung" habe ich persönlich schon an den unterschiedlichen Orten dieser Welt finden dürfen - in der kleinen Eckkneipe auf dem Kiez diverser europäischer Städte, aus dem Ghettoblaster im Ländlichen, auf vielen Parties oder auch von Leute lauthals gegröhlt, die selbst auf dem kleinsten D.I.Y. Punkfestival mal eben "Mexico" intonieren. Selbst die '80er Punks erzählen einem immer wieder, dass sie den Sound (selbst den der kritisch beäugten Skinheadphase) total mochten, weil es ein absolut neuer, dreckiger-, aber eben ehrlicher Strassensound war. 

 Die Onkelz haben sich oft genug von den ihnen zur Last gelegten Liedern distanziert. Live wurden die beiden Lieder übrigens nie gespielt. Somit ist das getauter Schnee vom Gestern vor über 35 Jahren, der vor mehr als 25 Jahren dem Reifungsprozeß wich.

 Zuletzt schafften es die Böhsen Onkelz einmal mehr musikalisch zu überraschen, indem sie eine moderne Klassikscheibe veröffentlichten, die (bis auf ein paar Lieder) gänzlich ohne die musikalische Mitwirkung der Bandmitglieder selbst auskam. Mittlerweile sind die Böhsen Onkelz mehr als berechtigt etabliert und haben fast nebenbei diverse Rekorde aus eigener Kraft geschafft. Es riecht nach neuen, befreiteren Kapiteln, zumal Ende des Jahres eine erste Tournee nach der Reunion, inklusive eines neuen Albums im Gepäck (*die Veröffentlichung ist auf den Herbst 2.016 angesetzt) ansteht. Gründe/Gesprächsstoff für ein Interview gab es also genug. Am 2.08. 2.016 schärfte ich die Skypeline und sprach mit Matt Gonzo Roehr, der quasi gerade seine Koffer packte, um nach Nashville abzureisen, um das neue Onkelz Album aufzunehmen. 

**Ganz am Ende dieses Interviews könnt Ihr mit mir auf die Retroreise durch die Welt der Onkelz Alben gehen.**

 

Zuerst einmal ein erneutes, herzliches Willkommen Matt, dieses Mal nur mit dem Unterschied, dass ich quasi "Onkel(z) Gonzo" begrüßen darf. 

Unser letztes Interview haben wir 2.013 miteinander geführt, das ist also auch schon drei Jahre her. In den drei Jahren ist ja wahnsinnig viel bei dir passiert, die Böhse Onkelz Reunion ist vollzogen worden, was sich ja keiner vorstellen konnte, womit wir auch schon bei der ersten Frage sind, was bzw. wer ist denn im ur-hersprünglichen Sinne überhaupt dafür verantwortlich, dass es zur einer Reunion kam? Wer hat da den Stein des Anstoßes gebracht?

Gonzo: Ja, das war der Pe, der den Stein des Anstoßes oder der das Thema wieder ins Spiel gebracht hat, weil das wirklich aus heiterem Himmel kam. Ich hab zumindest überhaupt nicht damit gerechnet und kuck' eines Abends noch in meinen eMails, kuck' ob noch irgendwas reingekommen ist und es ist 'ne eMail von Pe drin mit eben diesem Vorschlag "Sag' mal was hälst du eigentlich davon, wenn wir..." und so weiter und so weiter. 

Da war ich natürlich erst einmal platt, muss ich ganz ehrlich sagen. (*erzählt Gonzo schmunzelnd) Das hat mich dann auch einige schlaflose Nächte gekostet, um dem Pe 'ne Antwort zu schicken, die positiv oder negativ ausfällt. Ich wusste eigentlich ehrlich gesagt gar nicht wie ich darauf reagieren soll?! Weil es wirklich aus dem totalen Nichts kam. Nichts hat sich vorher angedeutet. Nichts hat irgendwie darauf hingewiesen, es gab keinen Kontakt vorher, gar nichts, dass da plötzlich so 'ne eMail im Postfach liegt.

Sowas finde ich immer klasse. Manchmal ist es so denkbar einfach im Leben. 

Gonzo: Ja! (*lacht zustimmend)

Meine nächste Frage musst du nicht beantworten, aber viele fragen sich sicher, gemäß des Onkelz Songs "Ich weiß wo du wohnst", wo es um Fans ging, die z. B. vor dem Küchenfenster stehen, wovon du mir auch irgendwann einmal erzählt hattest... Wie hat denn deine Familie auf die Reunion reagiert? 

Böhse Onkelz bedeutet ja für dich auch weniger Privatsphäre, wesentlich mehr Termine, was dann auch eine Art Einschnitt ist, obwohl es ja im Endeffekt genau genommen dein Beruf bzw. deine Berufung ist. 

Gonzo: Ja gut, ich muss dir ganz ehrlich sagen meine Familie hat da sowieso eher so ein bisschen außen vor gestanden, auch dieses ganze Trennungsjahr, das da stattgefunden hat, die haben das natürlich mitbekommen, aber sind da natürlich nicht involviert gewesen. Als das rüberkam, musste ich natürlich erst mal schlucken und hab' dann zu meiner Frau gesagt "Du wirst nicht glauben was ich hier für 'ne eMail im Postfach habe?!". 

Es ist ja tatsächlich so gewesen, dass wir lange Zeit im Ausland in Südamerika gelebt haben, haben viel gemacht, ich bin viel in Studios gewesen, du weißt das ja und haben also wirklich überhaupt nicht damit gerechnet, es war bis zu dem Zeitpunkt, wo die eMail da war, so 'n Ding "Das Thema ist abgehakt.". Es ist einfach weg, völlig aus deinem Leben verschwunden. Da ist in den 10 Jahren dazwischen so viel passiert, dass du dich weiterentwickelt hast, wo das auch keine große Rolle mehr gespielt hat. 

Natürlich, viele Leute bei den Konzerten sind Onkelz Fans, meine Frau ist ein Onkelz Fan, ich kannte sie allerdings schon vor den Onkelz, seitdem es die Band gibt, hat sie das sozusagen mitbekommen. Und meine Kinder haben das am Rande mitbekommen, haben sich dann aber erst wieder angefangen sich damit zu beschäftigen, weil das jetzt auch nicht so denen ihre musikalische Richtung war, als das Thema wieder auf die Tagesordnung kam. 

Also lange Rede - kurzer Sinn es hat auch so getroffen wie du vermutest, aber nicht aus diesem Grund weniger Privatsphäre, weniger Zeit zu haben oder irgend sowas, sondern im Gegenteil, als ich dann viel überlegt hatte und auch gerade mit der Familie - es sollte ja auch noch kein Außenstehender wissen, dann sind wir doch wirklich nach 'ner gewissen Zeit zu der Meinung gekommen okay, es lohnt sich einfach nachzuforschen was hinter der ganzen Sache steckt?! 

Da wir uns nun auch schon eine Weile in Sachen Interviews kennen, kann ich nur aus meiner kleinen Sicht von außen anmerken, dass man schon gemerkt hat, dass dich das Thema auf irgendeiner Ebene noch beschäftigt hat. 

Gonzo (wirft kurz ein): Du kommst halt nicht davon los.

MGR 2015 Foto: Tom Lichtenwald© Die Onkelz sind ja dein musikalisches Erbe.

Gonzo: Völlig klar, aber weißte, du rennst nicht den ganzen Tag rum und denkst daran. Natürlich taucht es bei allen möglichen- und unmöglichen Gelegenheiten auf, aber du beschäftigst dich halt nicht ständig damit. Das ist ein Teil von dir, von meiner Vergangenheit, der schön gewesen ist, aber das ist definitiv auch vorbei gewesen. 

Es ist zwar jetzt auch nicht so, dass du die ganze Zeit halsig rumgelaufen bist oder irgend sowas, du hast dich halt im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr damit beschäftigt, außer aus irgendwelchen Gründen - du hast irgendwo 'nen Fan getroffen, der dich darauf angesprochen hat oder hast zufällig mal irgendwo 'nen Onkelz Song gehört oder sowas... oder einer von Freunden, Verwandten kommt dir mit 'nem Onkelz T-Shirt entgegen - dann ist es mal wieder präsent gewesen. Aber du sitzt nicht den ganzen Tag rum und denkst Onkelz, Onkelz, Onkelz - dafür war das Thema schon zu weit weg gewesen. 

Das hört sich heute witzig an, weil wenn ich mich heute zurückerinnere, kommen mir die 10 Jahre gar nicht so lange vor wie sie mir vor 3 Jahren noch vorgekommen sind. Heute kommt mir die Zeit nach allem, was in der Zwischenzeit passiert ist, während der Onkelz Reunion bis jetzt, kommen mir diese 10 Jahre viel komprimierter vor als damals. Die Zeit kam mir viel länger vor! Ich meine 10 Jahre sind jetzt auch keine große Zeitspanne. 

Ich merke das gerade in diesen Tagen daran, um mal einen kleinen Exkurs zu wagen, allein was in den letzten 2 Monaten so in der Welt passiert ist - Nizza, die ganzen Amokläufe(r), die auch in Deutschland stattgefunden haben, die Geschehnisse in der Türkei... das zeigt mir wie schnelllebig alles geworden ist, weil die Leute schon am nächsten Tag zur Tagesordnung übergehen. 

Das erinnert mich gerade wiederum an einen guten Onkelz Song, den ich sehr unterbewertet finde, weil er einfach viel mehr Würdigung verdient hätte, wie hieß der noch? Von "Dopamin" -"Wie kann das sein, wie kann es das gehen, dass wir zur Tagesordnung übergehen?" über Manila... (*"Wie kann das sein")

Gonzo: Ja. Ah genau! Ich weiß den Titel jetzt auch nicht (*gibt Gonzo lachend zu), aber ich weiß welchen Song du meinst.

Ich glaube umso älter man wird, umso mehr vergisst man manchmal auch die Titel, aber die Inhalte sind noch präsent bzw. vergisst man nicht. 

Gonzo: Die Titel sind auch egal, hauptsache die Inhalte bleiben erhalten. Nee, aber du hast recht so ist es. Gerade in den letzten 3 Jahren ist es noch extrem gewesen, aber ich will jetzt deiner nächsten Frage nicht vorgreifen?!

Die nächste Frage geht eher zurück dahin, wo wir gerade stehen geblieben waren, bezüglich der Tagesordnung und den Onkelz, die passt da ganz gut hin - Stichwort: Hockenheim. Ihr habt da ja zwei Gigantenevents hingelegt oder um es mal mit einem Titel von Moses Pelham zu umreißen: "Höher, schneller, weiter". Das waren ja wirklich, wie man hörte und per DVD Aufnahmen sah, Bombastwände in Sachen Sound, in Sachen Bühnenoptik, Guinessbucheintrag inklusive - mit anderen Worten habt ihr einmal wieder Musikgeschichte geschrieben bzw. weitergeschrieben. 

Dem gegenüber, um auch mal einige Dinge kritisch zu betrachten, gegenüber zu stellen, auch um deine Sicht auf diese Dinge zu erfahren. Ich kann dieses eine Beispiel jetzt zwar nur aus meiner persönlich-subjektiven Sicht einbinden, aber die Entwicklung dahinter ist interessant. 

In Hockenheim waren ja auch unglaublich viele, viele neue Fans. Bzw. auch neue Fans der älteren Generation, die eher spät dazugekommen sind. Was mich persönlich z. B. abgeschreckt hat an Hockenheim, war dass da Leute hingefahren sind, die mir früher auf's Maul gehauen haben, nur weil ich 'n Onkelz Shirt getragen habe. 

Gonzo: Wie haste die denn wieder erkannt? (*fragt Gonzo interessiert/leicht verwundert)

Naja, die sind aus dem Ort, wo ich herstamme. Die sind da halt hingefahren. Ich selbst war nicht in Hockenheim, sondern habe nur einige Bilder von denen gesehen, was für mich befremdlich war, zumal die ja dann auch gern einfordern die größten Onkelz Fans aller Zeiten zu sein. Ich für mich brauche diese Profilierung nicht. Für mich bildet sich da halt manchmal ein Zwiespalt. Ich mag die Onkelz nach wie vor, das ist- und bleibt ein Teil meines Lebens. Gerade in harten Zeiten, Stichwort Drogen etc. - was aber weit hinter mir liegt, waren die Onkelz immer ein haltfester Strohhalm für mich.

Wenn du heutzutage den Fans gegenüberstehst, z. B. im Vergleich mit den '90er Jahren, merkst du, dass da eine andere Generation Fans vor dir steht oder...?

Gonzo: Ja, das merkt man ganz deutlich. In dieser Hinsicht muss man ganz ehrlich sagen, dass ich das Thema Onkelz witzigerweise in den 10 Jahren, in denen wir nicht da waren, ganz schön verselbstständigt hat. Es ist in Anführungsstrichen "Folklore" geworden, also das heißt es ist bei vielen Kids populär geworden, logischerweise sind in dieser Zeit auch viele Kids nachgewachsen, aufgewachsen, haben ihr Teenageralter durchlebt, haben die Onkelz entdeckt und so weiter. Manche, wie du es gerade gesagt hast, haben es vielleicht erst spät entdeckt, aus irgendwelchen Gründen. Aber gut, ich entdecke ja heute auch noch neue Musik. Ich würde mir dann auch nicht gern vorwerfen lassen "..ja, aber du hast das erst jetzt entdeckt, ich schon vor 10 Jahren." - natürlich entdeckt der eine was früher, der andere was später - so ist das halt im Leben. Es gibt 'nen schönen Spruch dazu, den ich letztens gelesen habe: "Es sind schon alle Erfahrungen gemacht worden, nur noch nicht von jedem.".

Das ist echt 'n starker Spruch.

Gonzo: So kommt mir das auch vor. (*lacht)

Mir geht es dabei auch gar nicht darum wann wer was entdeckt, ich entdecke auch viele Sache erst sehr, sehr spät. Ich habe z. B. The Doors erst sehr spät für mich entdeckt. Mir geht es einfach darum, dass die Onkelz aus meiner Sicht immer für eine Message standen und stehen. Ihr habt mehr als einen Marathon in Sachen Presse hingelegt, um vor allem auch breit front gegen Gewalt zu machen. Und ihr habt als Band auch eine Wandlung durchlebt, genauso gestehe ich auch jedem/jeder eine Wandlung zu. Vielleicht ist man da manchmal zu viel Mensch, dass man diesbezüglich nicht so richtig über seinen Schatten springen kann? (*hinterfrage ich mich selbst offen im Gespräch mit Gonzo)

Gonzo: Vielleicht ist es auch das Prägende in den Jahren, wo gerade die Leute nicht Onkelz gehört haben, aber du und die dir dann auf's Maul gehauen haben oder irgendwas, das ist dann wie so 'ne Trotzreaktion? 

Und plötzlich sind die da und hören auch Onkelz, das würde mir auch schräg rüberkommen. 

Das Ding ist, muss ich dazu sagen, dass man Anfang der '90er - nworan du dich mit Sicherheit selbst mit Sicherheit gut erinnern kannst, wie damals der Stand der Onkelz in der allgemeinen Bevölkerung war- man galt quasi sofort, wenn man ein Onkelz Shirt trug, direkt als Nazi. Und das nur aufgrund eines Shirts. 

Die Leute haben sich ja vorher nicht mal damit beschäftigt, sondern die Meinung aus den hiesigen, vorentworfenen "Bild-ungs-Niveau-Gazetten" einfach übernommen, weil es so schön bequem war, obwohl ihr ganz früh z. B. im Booklet der "Wir ham' noch lange nicht genug" ein unmisverständliches Statement abgedruckt habt. Genauso eure Interviestatements beim VHS Livevideo "Live in Vienna" mittels derer ihr ganz klar gesagt habt, dass ihr nicht so drauf seid wie die Leute es dachten. Bzw. habt ihr das bereits Jahre zuvor schon so geäußert.

Gonzo: Um noch mal auf den Eingang deiner Frage zurückzukommen, mal abgesehen von dem Beispiel, das du mir jetzt gerade erzählt hast, muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich mich darüber freue, wenn Kids, die nachkommen oder meinetwegen auch Leute, die früher nicht Onkelz gehört haben, die Onkelz für sich entdecken. Es ist ja wirklich ein Kosmos, du hast es ja über Jahrzehnte erlebt, der es eigentlich auch wert ist von mehr Leuten entdeckt zu werden und die Einstellung zu übernehmen. Das ist es wert von den Leuten übernommen zu werden. Natürlich gibt es immer so Extrembeispiele, da gibt es bestimmt noch mehr, aber letztendlich ist es das, was die Leute da alle zusammenführt, hoffe ich! Hoffentlich sind es die Onkelz und nicht nur der Ansporn bei diesem Megaevent dabei gewesen zu sein?!   

Was mir bei euch immer besonders gefallen hat, ist, dass ihr auf gut deutsch gesagt darauf geschissen habt, was Andere dachten, ihr habt eure Meinung einfach vertreten. 

Gonzo: Das ist heute auch noch so.

Ja, darum geht es ja. Aber lass' uns zurück in die Gegenwart gehen. Ihr habt die Klassik CD gemacht, die wahrscheinlich 90% eurer Fans überrascht hat, mich inklusive. Da wäre keine/-r drauf gekommen, dass ihr mal 'ne Klassik CD macht. 

Gonzo: Wir auch nicht. (*lacht)

Wer hat denn da gesagt "Ey kommt, lasst uns das mal probieren!"?

Gonzo: Nee, das hat sich so entwickelt. Das kann ich dir jetzt gar nicht so genau sagen wer das irgendwann mal gesagt hat?! Als wir beim ersten Hockenheimring Konzert das klassische Orchester dabei hatten, haben wir ja zusammen mit Patrik Bishay die Partituren für die Begleitung von den Songs geschrieben. Es waren ja zwei Songs da "28" und "Baja", die schon ein ganz alleiniges Orchesterarrangement bekommen haben. Und wir fanden das damals so cool, wir haben die Sachen gehört und haben dazu gespielt. Natürlich haben wir die dann logischerweise auch als Audiofiles bekommen, weil die Aufnahmen ja stattgefunden haben und haben gesagt "Boar wir finden das so mega!", dass es 'ne totale Schande wäre, das irgendwie in den zwei Reunion Konzerten zu verbraten und dann in der Schublade verschwinden zu lassen. 

Im Laufe der Zeit hat sich dann so rauskristallisiert "Was machen wir denn mit den Songs?", mal als Bonustracks mit drauf oder so? Im Laufe der Zeit hat es sich dann so entwickelt "Lass' uns doch mal zu unserem Jubiläum 'n Klassik Album machen.", "Wie funktionieren denn eigentlich die anderen Titel, die wir noch im Kopf haben als Klassikversion?". Dann haben wir uns gesagt, wir gehen es einfach mal mit dem Patrik Bishay an, schreiben mal so ein bisschen dran rum und wenn es uns kickt, machen wir es und wenn wir sagen "Ach nö, die Songs funktionieren im klassischen Arrangement nicht.", dann lassen wir es.

Aber gut, du kennst das Ergebnis, es hat uns gekickt, wir haben's gemacht und sind mit dem Ergebnis total zufrieden. Vor allen Dingen war es 'ne super spannende Erfahrung die ganze Produktion mit dem ganzen Orchester zu fahren. Dirigenten, Arrangeure, Aufnahmen und so weiter, bis hin zu der Aufführung in Essen.   

Kannte denn der Bratislave Symphony Orchestra Dirigent David Hernando Rico die Böhsen Onkelz vom Namen her oder sogar musikalisch im Vorfeld?

Gonzo: Also ich habe ihn nie gefragt. Ich weiß es nicht, muss ich ganz ehrlich sagen. Das funktioniert ja in der klassischen Welt so..., na klar als wir ihn natürlich kontaktiert haben und gesagt haben es geht um die und die Band, wird er garantiert irgendwo nachgekuckt haben, um sich zu informieren - wer sind wir denn, was machen wir denn...? Aber bei den Jungs ist das Interesse erst einmal sehr hoch gewesen. 

Wir hatten ja schon Arrangements von den Stücken vom Lausitzring (*meint offenbar die Arrangements vom Hockenheimring?), die wir ihm dann geschickt haben, um halt einfach mal beurteilen zu lassen was sagt einer dazu, der jeden Tag nichts anderes als klassische Musik macht. Und die bewerten das dann witzigerweise. Es geht dabei auch um Produktionszeiten, wie groß muss das Orchester sein und so weiter?! 

Die bewerten das dann von leicht bis schwierig und sie haben es dann erst mal als "Naja, ist nicht so schwierig." bewertet. Das hat sich dann im Zuge der Aufnahmen doch ein bisschen geändert. (*lacht kurz) Von "nicht ganz so schwierig" bis "manche Sachen sind ja doch ganz schön knifflig." gerutscht. Das hat auf jeden Fall 'n Riesenspaß gemacht, weil du dich ja permanent mit denen auseinandersetzen musstest. Und weißt du mit was für einem Stab Leuten die anrücken? Da kommt nicht einfach nur das Orchester und der Dirigent, da kommt noch dem seine rechte Hand, der Techniker, die, das und alle sitzen mit Partituren da, wenn du aufnimmst, lesen mit und heben sofort den Finger, wenn irgendeiner von den 80 Instrumenten nicht ganz okay war. Das ist schon echt 'ne krasse Konzentrationsaufgabe! 

Ich habe ja im Nachhinein, nachdem ich meine Review über das Klassikalbum geschrieben und veröffentlicht hatte, peinlicher Weise, dank eines Fankommentares feststellen müssen, dass du bei einigen Stücken an der Gitarre mitgewirkt hast. In meiner Review schrieb ich aber fälschlicherweise, dass kein Onkel aktiv mitgewirkt hat. Das war mir, muss ich gestehen, schon echt megapeinlich und ist mir in ca. 15 Jahren Reviewschreiberei so noch nie passiert. 

Gonzo relativiert: Das ist ja auch nicht so wichtig, ich bin da so reingerutscht. Bei zwei, drei Stücken ist eine Gitarre dabei gewesen und keiner hat daran gedacht einen Gitarristen zu bestellen. "We have one in the House." (*lacht) 

Es liegt ja auch nahe, ich kenne dich über die Jahre, die wir uns kennengelernt haben, als einen Menschen, der die Herausforderung sucht. Und wenn du jetzt gerade so von den ganzen Partituren etc. erzählst und da einer den Finger hebt, war das bestimmt 'ne mega Herausforderung das einzuspielen und immer unter Beobachtung zu sein?! 

Gonzo: Das war mega! Das zu spielen war nicht nicht schwer, aber genau den Einstieg zu bekommen. Du achtest ja nur auf den Dirigenten und wenn du das nicht gewöhnt bist, dann ist das echt mega schwierig! Und wenn du dann den Einstieg versaust, muss das 80 köpfige Orchester wegen dir abbrechen... das ist schon echt scheiße! (*lacht rückblickend)

Aber es erdet wahrscheinlich auch direkt?!

Gonzo: Ja, naja gut die Damen und Herren, die da dabei waren, waren gerade auch bei den Aufnahmen total super. Als ich mich dann hingesetzt habe, haben alle gelacht und sich gefreut. Und wenn dann mal was schief gegangen ist, haben sie sich umgedreht, auch wieder gegrinst und so. Also die sind schon locker drauf. 

Also nicht so hüftsteif?

Gonzo: Nee, nicht hüftsteif oder in einer Prüfungssituation oder irgend sowas. Natürlich willst du dich nicht blamieren. 

Das kann ich mir gut vorstellen. Klassik hatte für mich immer so ein bisschen den Anstrich sehr hochgeschlossen und steif zu wirken. Der schöne Nebeneffekt, den ihr mittels Essen z. B. bewirkt habt, ist ja, dass ihr einmal wieder ganz andere Wege beschritten habt. Aber das ist ja so ein Onkelz Ding, man kann eigentlich immer erwarten, dass ihr immer neue Wege geht. Das kann man immer wieder mit euch verbinden.

Gonzo: Auf jeden Fall. Weil wir auch einfach Interesse daran haben. Es gibt ja viele Bands, die fahren sich dann auf ihrer Schiene ein und verlassen die nie. Berühmte Bands, ich will jetzt keine Namen nennen. Es gibt auch Bands, die im Amateurbereich unterwegs sind. Aber die Herausforderung ist ja sich permanent neu zu erfinden. Und das ist ja auch der Spaß an der ganzen Sache. Ja, glücklich ist, wer sich's leisten kann sowas durchzuziehen, aber auf der anderen Seite gibt es auch eine Menge Leute, die sich's leisten könnten und es nicht machen. Ich bin immer der Meinung man muss es einfach machen und jeder von uns ist dazu auch bereit neue Wege zu beschreiten. 

Meine Frage ob der Dirigent euch kennt, kam auch mit auf, weil du mir vor einigen Jahren mal erzählt hast, dass gerade in Amerika ein gesteigertes Interesse an den Onkelz besteht. Hast du denn aktuell ein wenig weiter verfolgen können wie sich das dort entwickelt hat? Ist da in Amerika gerade mit der Wiederkehr der Onkelz noch mal etwas passiert?

Gonzo: Ich habe das damals, als ich dir das erzählt habe, aus einer anderen Sicht gesehen, weil ich ja selbst mit meinen Solosachen in Amerika aktiv war. Als ich mit Radiostationen und so weiter zutun hatte, habe ich auf dieser Ebene Leute getroffen, die gesagt haben "Machen wir ein Interview?", dann heißt es "Wann?" - "Heute Abend um 10:00.", dann haste die angerufen - "Okay, wir sind auf Sendung, warte mal, ich schalte dich gleich zu, in 30 Sekunden.", dann hast du kurz zugehört und dann lief ein Onkelz Song bei denen im Radio. Da habe ich mir auch gedacht "Naja, gar nicht so schlecht, wenn in den USA mal ein Onkelz Song läuft."

MGR, Foto: Tom Lichtenwald© Auf dieser Ebene hat das stattgefunden. Oder wenn du andere Leute vom Radio getroffen hast und die wussten wer du bist und die sagen "Ja, spielen wir auch hin und wieder mal.". Jetzt hat sich das Ganze ein bisschen verschoben, ich bin ja nicht mehr selbst da drüben unterwegs, sondern habe jetzt auch ein bisschen mehr mit dem ganzen Business der Onkelz zutun und habe jetzt festgestellt, dass in dem Business, das heißt in den ganzen Managements von Metallica über Kiss bis keine Ahnung sonst wohin jeder die Onkelz kennt. Jeder weiß, dass die Onkelz eine der erfolgreichsten Bands in Europa sind. Das ist die Erfahrung, die jetzt gerade mache.

Zurecht. Bei euch haben große, große Bands gespielt bzw. ihr mit ihnen - z. B.: Motörhead, The Rollins Stones, Limp Bizkit, Soulfly, Pro Pain... Gerade Motörhead, das ist ein Name, der steht felsenfest in der Musikgeschichte, genauso wie Kiss, Deep Purple und wie sie alle heißen. 

Gonzo: Also das stellt man jetzt gerade fest, dass gerade im Business jeder weiß wer die Onkelz sind, was ich auch sehr bemerkenswert und sehr interessant finde. 

Um noch einmal kurz auf das Klassik Album zurückzukommen, da habt ihr ja die schöne alte Regel bestätigt wieder einen neuen Sound zu haben. Wie schon erwähnt wieder neue Wege, die bei euch immer inklusive sind. Das wird mit dem neuen Album sicher umso schwieriger? 

Soweit ich einigen Interviews entnehmen konnte, ist der Grundtenor, dass es ein Rock Album wird, so wie man es von den Onkelz auch kennt.

Gonzo bestätigt: Auf jeden Fall. 

Aber die große Frage, die glaube ich jeden Fan beschäftigen wird... (*in diesem Moment bricht die Skypeleitung kurz zusammen; nach ca. 5 Minuten steht diese aber wieder)

(*ich beginne das Interview wieder aufnehmend mit einer anderen Frage und verschiebe meine bereits begonnene Frage auf einen späteren Zeitpunkt)

Lass' uns mal kurz über deine Eindrücke von der Aufführung des Klassik Albums in Essen sprechen. Da habt ihr ja erstmals nicht aktiv gespielt und zudem noch ein optisch doch ungewohntes Fan-Umfeld vor euch gehabt.

Gonzo schwärmt: Ach es war toll! Es war Sommer, jetzt ist ja auch Sommer, aber es war warm, die Fans standen draußen in der Sonne, alle in Anzügen und Abendgarderobe, das sah schon mal unheimlich klasse aus! 

Die drei, vier Fans, die man vorher kurz sprechen konnte, haben auch total gute Stimmung gemacht und sich total auf das Ding gefreut. In der Konzerthalle selbst... ich hab' vorher schon zu den Jungs gesagt "Ich bin total gespannt was heut kommt, weil es eine ungewöhnliche Halle für unsere Fans ist, ungewöhnliches Publikum - Onkelz Fans bei 'nem Klassik Konzert.. ich bin echt gespannt!" Und als dann die ersten angefangen haben mitzusingen oder Sachen reinzurufen, da hat man so gedacht "Hm, hoffentlich läuft das hier nicht aus dem Ruder?!" (*sagt er rückblickend seine temporäre Ungewissheit auf den Punkt bringend) Aber dann hat sich da so eine total super Stimmung entwickelt...! Ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich darüber spreche und mich daran zurückerinnere. Das war 'ne Superstimmung, so dass der ganze Abend total Spaß gemacht hat. Du hast ja im Livestream gesehen das Orchester hat sich dermaßen gefreut und haben das gemerkt, dass die Leute mitgehen, mitklatschen bei verschiedenen Liedern, da haben sie dermaßen Gas gegeben beim Spielen, die haben da einen fulminanten Auftritt hingelegt, dass es einfach echt 'ne Freude war dabei zu sein. 

Ich habe zeitweise etwas Skepsis gehabt, da der Dirigent immer wieder mal von der Bühne verschwunden ist. 

Gonzo: Das machen die immer. Das ist ganz normal. (*lacht kurz)

Ich kenne das halt von diversen Bands so, dass man vor der Zugabe kurz von der Bühne geht. Da fragte ich mich halt kurzzeitig was da gerade passiert?

Gonzo: Das ist normal, dass die runtergehen und zurückkommen. Das habe ich schon in mehreren klassischen Konzerten erlebt. 

Aha. Aber du hast übrigens recht gehabt, ich habe ein schönes Zitat von dir in einem Interview gelesen, bei dem du sagtest, dass die Klassik jeden irgendwann kriegt. 

Gonzo: (*lacht kurz laut auf) Genau! Na sicher, wer sich für Musik begeistert, den erwischt es irgendwann. Natürlich nicht jede Klassik, da gibt es ja verschiedene Stilistiken.

Da kann ich dir übrigens ein Metal Album empfehlen, das etwas für Gitarristen ist. Du bist ja so ein Gitarrenverrückter, vielleicht kennst du sie ja auch? Die Dame nennt sich The Great Kat. Die hat mal einen Album namens "Beethoven On Speed" (*1.990) gemacht. 

Gonzo: Das kenne ich nicht, aber die Dame kenne ich. 

Kann ich dir gitarrentechnisch nur empfehlen, das ist schon ganz schön krass! Das Album ist aus den Spät-'80ern/Anfang '90ern.

Gonzo: Ja ach das macht ja nichts, das ist dann halt produktionstechnisch nicht das, was man heute machen würde, aber wenn es von der Qualität her stimmt, spielt es ja keine Rolle. Hör' ich mir mal an! 

Da wir gerade auch bei dem Event in Essen waren, in Anbetracht dessen, was du dort erlebt hast, quasi mit etwas Demut im Geiste betrachtet: Wie bewusst ist dir heutzutage dein Gesamtwerk mit den Onkelz? 

Gonzo: Das ist natürlich in den letzten 3 Jahren wieder extrem in den Mittelpunkt gerückt und gerade im ersten Jahr ist es im Zuge der Reunionshows so gewesen, da haben wir uns ja gedacht wir bieten 'nen extremen Querschnitt aus dem gesamten Schaffen. Das hat natürlich im Vorfeld bedeutet, dass wir uns das gesamte Schaffen anhören mussten, um Titel auszuwählen, wo wir gesagt haben die sind zum Beispiel exemplarisch für das und das Album. Oder es ist für die Phase exemplarisch oder es ist noch nie gespielt worden, das gab es auch, dass wir dann gesagt haben wir nehmen auch solche Titel dazu. Ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass ich unheimlich stolz bin auf das, was wir mit den Onkelz bis jetzt geschaffen haben. 

Was ich schön finde, man hat's auch beim Klassik Album gesehen, dass verschiedene Titel, zum Beispiel "Tanz der Teufel" - das sind Sachen ganz aus der Anfangsphase, das kann musikalisch jetzt nichts ganz so tolles sein, dass gerade auch diese Dinger so eine unheimlich tolle Atmosphäre rübergebracht haben. Das hat 'nen wirklich unheimlich guten Spirit, dass ich es heute mit anderen Augen sehe, als ich es vor 5, 6, 7 Jahren gesehen hätte, in Sachen Schaffen der Onkelz.

Das passt ja ganz gut zu dem Stichwort "Lebenswerk", wenn wir gedanklich schon mal dabei sind. 

Gonzo: Gott sei dank sind wir ja noch nicht ganz soweit, gell?! (*lacht auf)

Oder um es präziser zu formulieren, ein Werk aus jeder Menge Leben. Da steckt ja unheimlich viel Leben drin von vier verschiedenen Menschen. Wenn man jetzt mal "Lebenswerk" als Schlagwort nimmt, ihr habt ja nun öfter auch Motörhead dabei gehabt, du bist nun auch kein Jungspund von 20 Jahren mehr, obwohl Du aber auch gewiss noch nicht zum alten Eisen zählst. 

Wie nahe ging dir im Bezug auf das eigene Leben der dann doch etwas plötzliche Tod von Lemmy (R.I.P.)? Was geht in dir vor, wenn du realisierst, dass er plötzlich tot und weg ist? Und dann ist da plötzlich eine riesige klaffende Leerstelle in der Musiklandschaft, der Branche, dem Metier an sich. Motörhead waren ja fast schon ein eigenes Metier. 

Es sind ja wahnsinnig viele gestorben - Lemmy, David Bowie (R.I.P.)...

Gonzo: B.B. King. (*ergänzt Gonzo als Soul- und Bluesliebhaber) 

...ja unter anderem auch. Ich persönlich habe den Eindruck, dass man heutzutage mit Aids älter werden kann als mit Krebs?! Krebs rafft die Leute reihenweise dahin. Was geht diesbezüglich in dir vor? Du ernährst dich ja sehr gesund, soweit ich dich kenne. Gibt es da bei dir manchmal so eine Art Drang, dass du noch ganz viel (er-)schaffen möchtest, bevor es dann irgendwann mal vorbei ist?

Gonzo: Ja, witzigerweise. Aber nicht in dem Zusammenhang, sondern gerade jetzt, weil wir ja unheimlich viel arbeiten, gerade in den letzten 3 Jahren. Da ist es wirklich so, dass man den Drang hat noch mehr zu schaffen. Das ist schon fast wie so 'ne Droge auf der man drauf ist. Wo man sagt "Wie geht's weiter? Was machen wir jetzt?" - das ist kein Aktionismus, sondern das ist wirklich in unserem Fall, so wie es in den letzten Jahren gelaufen ist, schon fast ein Managen der Aufgaben, die auf einen zukommen und um zu schauen wie es weitergeht. 

Ich muss ganz ehrlich sagen so traurig das auch ist, dass Lemmy, B. B. King und David Bowie und andere Große - ganz Große (*betont Gonzo sich selbst verbessernd) von uns gegangen sind, es ist doch so... ich bin da immer so ein bisschen zwiegespalten, natürlich sind sie jetzt nicht mehr da, aber das, was sie uns mit ihrer Musik, ihrem Leben und ihren Songs und so weiter gegeben haben, das verschwindet ja nicht auf einmal. Das ist ja noch in der Welt. Das macht sie eigentlich unsterblich. Klar kann ich jetzt nicht mehr auf's B. B. King Konzert gehen, kann nicht mehr auf's Motörhead Konzert gehen, aber das, was sie an Spirit, an Musik in die Welt gesetzt haben, an Gefühlen, was die uns gegeben haben mit ihrem ganzen Leben, ich finde das macht sie unsterblich. Ich hab' nicht den Eindruck als hätte ich sie verloren, für mich sind sie immer noch da.

Ja, im Prinzip bleibt die Musik ja präsent. Das ist jetzt vielleicht eine sehr weite Brücke, die ich spanne, aber im Endeffekt kann man da eine Parallele zu den Onkelz ziehen, denn genau das machte das Phänomen aus, als ihr in den 10 Jahren gar nicht aktiv wart, die Musik hat weitergelebt. 

Gonzo: Genau. Das hat sich sogar noch verselbstständigt. Wie man gesehen hat bei den Konzerten in den letzten 2 Jahren, ist das aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen noch größer geworden. 

Ich kann nur hoffen, dass ihr shirtmäßig nie bei Lidl oder so ankommt, so wie es bei den Sex Pistols z. B. der Fall war. 

Gonzo (*lacht): Da müsstest du uns eigentlich gut genug kennen.

Das ist ja bei einigen Bands so gewesen, selbst Motörhead und AC/DC Shirts bekommt man heutzutage schon im Supermarkt. 

Gonzo: Ich weiß auch gar nicht, ob die das überhaupt gewusst haben? Das muss wahrscheinlich irgendwie auf Managementebene stattgefunden haben? Keine Ahnung. 

Ich meine es werden auch... - ich kann dir jetzt kein Beispiel nennen, es sind auch früher schon, ich weiß gar nicht, ob das jetzt in den letzten 3 Jahren passiert ist, aber ich weiß von Dingen, die früher schon an uns herangetragen wurden, wo so etwas auch kam, wo wir dann aber ganz klar gesagt haben "Kommt überhaupt nicht infrage.". 

Das ist übrigens ein gutes Thema, über das wir vor geraumer auch schon einmal in einem Interview gesprochen hatten, dass es schade ist, dass viele Menschen heutzutage auch gerne an den Onkelz mitverdienen wollen. 

Ich erinnere mich z. B. an dieses Boykottding in den '90er Jahren -von WOM, Saturn, Media Markt und wie sie alle hießen/heißen- damals gegen die Onkelz und heute stehen die Alben in den Regalen. 

Irgendwie ist es aber auch in gewisser Weise okay, da man seine Meinung ja revidieren kann, was ich ein Stück weit auch gut finde. Aber es gibt ja auch viele Plagiatmacher, die dann schon im großen Stil absahnen in Sachen Onkelz Merchandise. Früher fand ich persönlich es immer geil, wenn die Fans sich liebevoll selbst etwas zurechtgebastelt haben, weil sie z. B. wenig Kohle hatten. 

Gonzo (*hakt ein): Da hat heute auch keiner was dagegen. Wenn einer sagt ich hab' mir jetzt hier selbst 'n tolles T-Shirt gebastelt und für sich behält oder nur für sich trägt, dann hat ja auch keiner was dagegen. Das ist ja nur im Zusammenhang mit den ganzen Internetportalen, wenn einer dann meint "Das T-Shirt ist toll geworden, lass' uns doch mal 50 Stück davon machen." und dann herstellt und die verkauft, das geht dann natürlich nicht. Und solche Fälle gibt es halt viele, europaweit. Das geht von von solchen Bagatellfällen, wo man dann sagt "Hey, das darfst du nicht." und dann ist es gut, über organisierte Kriminalität, Raubdrucke, Sachen, die aus Osteuropa kommen oder sowas und dann vertickert werden oder sogar aus Asien. 

Ich habe praktisch täglich damit zutun. Auch vom Zoll und so weiter kommen dann hier Dinge rein - "Wir haben was sichergestellt, Onkelz Merchandise.", da und da - ich habe da täglich damit zutun. In der Anwaltskanzlei, die uns vertritt, gibt es eine ganz eigene Abteilung, die sich für sowas gebildet hat, weil das so viel ist. Das betrifft nicht nur uns, die haben auch noch andere Künstler, die sie vertreten. Weil das so viel ist, dass da täglich Leute dransitzen, die das kontrollieren, prüfen und abmahnen. Also es ist wirklich immens geworden und das finde ich widerum nicht gut. 

Wie gesagt gegen die- oder denjenigen, die sich ein eigenes T-Shirt basteln, man sieht es ja auch auf den Onkelz Konzerten, da haben 4-5 Leute sich dasselbe T-Shirt gebastelt, da hat ja kein Mensch was dagegen. Das ist überhaupt kein Thema. Nur wenn es organisiert ist und es geschäftlich wird, dann geht es natürlich nicht. Dann sind es ganz klar Verletzungen von unseren Markenrechten und das nehmen wir so nicht hin, weil es auch nicht immer Sachen dabei sind, die du jetzt hunderprozentig unterschreiben würdest, die dann auf den T-Shirts stehen. 

Ich kann mir vorstellen was du meinst. Das Thema wird vermutlich nie gänzlich von der Bildfläche verschwinden, wahrscheinlich gerade auch nicht, da ihr aktuell ja an einem neuen Album arbeitet. Für dich geht es bald nach Nashville, Tennessee...

Gonzo: Nicht nur für mich, für den Rest der Gruppe auch. (*präzisiert Gonzo)

...genau bzw. für euch. Bei dir fiel mir dabei spontan ein, dass du studiotechnisch gesehen schon auf den Spuren großer Geister, großer Musiker gewandelt bist, z. B. hast du mir einst mit leuchtenden Augen erzählt, dass du Originalbänder der Beatles hören durftest, von denen du ja auch ein Riesenfan bist. 

Jetzt geht es nach Nashville, Tennessee (USA) und ich meine dass dort z. B. auch Johnny Cash einiges aufgenommen hat?! 

Gonzo: Auf jeden Fall! Ja gut, er hat ja auch da gewohnt in Nashville, nee die Carter Family... gut, du kennst die ganze Geschichte. Einerseits muss ich sagen, dass ich jetzt nicht so ein großer Freund von Country Musik bin, wobei ich Johnny Cash da nicht einordnen würde, sondern der war ganz klar Rock And Roll. 

Aber Nashville hat sich in den letzten Jahren unheimlich geändert. Unheimlich viele Leute sind aus Los Angeles weggezogen, weil es da aus verschiedenen Gründen nicht mehr auszuhalten ist und das Business da immer weiter runtergegangen ist. Ich habe letztens ein Interview mit Joe Bonamassa (*US-amerikanischer Blues-/Rock Gitarrist) gelesen, wo er das auch bestätigt, dass er, wenn er aufnehmen möchte, nach Nashville ins Studio geht, weil auch in der Musikrichtung da im wahrsten Sinne des Wortes die Musik spielt. 

Die Studios sind da, die Studiomusiker sind da, in seinem Fall, wenn er da aufnehmen möchte. Und dasselbe ist bei uns auch so gewesen. Witzigerweise ist der Vorschlag nach Nashville zu gehen vom Kiss Management gekommen. Die haben gesagt "Warum geht ihr nicht mal nach Nashville aufnehmen?". Die sitzen auch da und haben auch einiges vorbereitet für uns zu planen, was zum Beispiel Unterkünfte und so weiter betrifft. Wir fanden die Idee eigentlich gar nicht so schlecht das so zu machen, gerade weil wir ja neue Wege beschreiten wollen, wie du es vorher schon gesagt hast, auch mit neuen Leuten studiomäßig zusammen arbeiten wollen, obwohl der Michael Mainx bei uns immer noch dabei ist. In dem Fall jetzt in der Rolle des Co-Produzenten. 

Ja, wir wollten uns da einfach auch mal kicken lassen. Ich habe gute Erfahrungen in Amerika gemacht, habe den Jungs das erzählt, dass ich das total super fand, dass mich das gekickt hat und dementsprechend haben wir uns gedacht wir probieren das jetzt auch mal aus. Das bringt uns garantiert auch wieder ein gutes Stück voran. 

Hat denn der Kick, den du gerade beschrieben hast auch unterschwellig etwas damit zutun, wenn man weiß, dass die Beatles oder in dem Fall vielleicht Johnny Cash schon im selben Studio war(en)? 

Gonzo: Nee, das ist ganz klar. Das gehört einfach dazu. Ich hab dir ja schon erzählt, dass ich auf den Spuren der Urväter und Gründer der Musik zu wandle und diese Orte jetzt auch als professioneller Musiker besuchen zu dürfen, im selben Studio, im Falle vom Abbey Road (*in London [GB]; wo die Beatles einst aufnahmen) in dem Studio sogar aufnehmen zu dürfen... (*schwärmt Gonzo demütig) - da geht natürlich ein Traum in Erfüllung! Das verpasst dir dann noch mal einen zusätzlichen Motivationsschub. 

Genauso kenne ich dich. Genau das Bild habe ich immer noch vor Augen. Irgendwie hast du dich gar nicht verändert, immer noch so ein Musikliebhaber...

Gonzo: Man schnallt sich halt die Gitarre um, fährt dahin und kuckt dann mal was auf einen zukommt?! 

Und zieht dann die 12er Saiten auf?!

Gonzo: (*lacht) In dem Fall nicht. 

Ich weiß du kannst jetzt im Moment noch nicht allzu viel verraten, aber kannst du denn stilistisch schon was vorausschicken? Viele Fans brennen wahrscheinlich zu erfahren, was da auf sie zukommt?! 

Gut, man kann sich denken, dass da 'ne volle Kelle Rock And Roll kommt.

Gonzo: Naja, vielleicht eben gar nicht oder wie soll ich sagen, vielleicht nicht so wie man es erwartet. Die Onkelz haben sich ja auch -jeder einzelne- musikalisch weiterentwickelt. Wir haben auch viel gemacht, haben Soloprojekte gemacht und so weiter und das Ganze hat man jetzt beim Songwriting schon gesehen als wir uns zusammengesetzt haben. Wir sind unheimlich gewachsen. Genauso wird die Platte auch sein. Die Platte wird gewachsen sein, das werden jetzt nicht so drei Akkorde Liedchen sein, wo irgendwas drübergesungen wurde. Es werden sogar eher längere Lieder sein, die auch schon mal 7-8 Minuten lang sein können, damit ein Song seine Atmosphäre entwickeln kann. Ja es wird ein modernes Onkelz Album. Es wird ein Onkelz Album, das ist ja klar, das erwarten alle, aber es wird ein Onkelz Album so wie die Onkelz heute klingen. Ich sehe es als ein modernes Onkelz Album an. 

So 'ne Mischung aus Onkelz und... (*überlegt kurz) - naja es ist Onkelz, aber es sind die Onkelz weiterentwickelt. 

Also Onkelz Reloaded quasi?

Gonzo: Reloaded Onkelz, genau. 

Schreibt ihr denn alle an den Texten mit? 

Gonzo: Wir haben alle abgeliefert, an Texten mitgeschrieben, aber letztendlich läuft's dann beim Stephan zusammen, der die ganzen Sachen zusammenstellt. 

Das ist ja z. B. auch ein Punkt, der viele Fans im Vorfeld des Albums beschäftigt. 

Gonzo ergänzt: Wir wissen wie wir Onkelz das früher gemacht haben, da sollte man jetzt auch nichts ändern. Letztendlich soll es ja so ein Album werden, dass die Band von den Fans wiedererkannt wird. 

Ich fand den Gedanken gar nicht so schlimm, zumal jeder einzelne von euch textlich ganz klasse Qualitäten hat. 

Gonzo: Ja, die sind auch alle mit eingeflossen. (*präzisiert Gonzo) Wie gesagt Kevin hat Texte abgeliefert, ich hab' Texte abgeliefert... - jetzt muss man die Texte natürlich auch auf die Songs bringen. Wenn sich jetzt aber zu viele Köche um dieses Gericht kümmern, könnte es eventuell verdorben werden. Wir sind aber im permanenten Austausch! Ich bin jetzt gerade in Dublin, Stephan ist zu Hause und arbeitet an den Dingern, aber wir tauschen uns täglich aus. "Kuck mal das, kuck mal das... hier wie gefällt dir das?" - du redest die ganze Zeit hin und her. Es ist nicht so, dass jeder in seinem stillen Kämmerlein sitzt und vor sich hin arbeitet. 

Schade ist halt, dass wir für das Onkelz Album unheimlich wenig Zeit haben, ich glaube die Produktion muss innerhalb von 3- oder 4 Monaten durchgezogen und abgeschlossen sein?! Einen Tag, nachdem wir in Nashville mit dem Mixen fertig sind, ist der Masteringtermin und am selben Tag an dem der Mastertermin ist, muss das Band abgegeben werden. Also wir stehen unter unheimlich hohem Zeitdruck momentan und deswegen arbeiten wir wie so 'ne Maschine, wie so Zahnräder, die ineinandergreifen. 

Ich sitze hier in meinem Heimstudio, mache die ganzen Playbacks, mit Sachen, die teilweise eingesungen sind, arbeite Gitarren und Solis dazu aus, während Stephan an den Texten arbeitet. Das Schlagzeug muss noch aufgenommen werden, was weiß ich was... wie gesagt, wir arbeiten jetzt momentan gerade parallel an dem Album und führen das Ganze dann in Nashville zusammen.

Wie tragend und wichtig findest du es denn dass Kevin stimmlich, vor allem gesünder denn je ist und dazu noch mit 'ner hammer Kraft aufwartet?

Gonzo: Also ich hab' jetzt die ersten Sachen gehört, gerade in den letzten Tagen, die er aufgenommen hat. Ich muss dir ganz ehrlich sagen ich war baff! (*sagt Gonzo voller Verwunderung in der Stimme und führt weiter aus) 

Ich war baff, weil es keine Lücke gibt zwischen den früheren Sachen und dem, was jetzt gerade hier abgeliefert wird. 

Ich hab' ihn ja ein paar Mal mit Veritas Maximus...

Gonzo (hakt ein): Das ist es ja gerade, ich kenne ja auch seine Platte und seine Dinger, aber der Mann scheint irgendwie monatlich gesünder zu werden?! (*wir lachen gemeinsam im Wissen wie Kevin das heutzutage in die Realität transportiert)

Kevin wird wieder jünger, warte mal ab! (*werfe ich locker scherzend ein; während Gonzo lockeren Geistes locker lacht)

Früher lag darin ja ein Problempunkt, dass wie Thomas Hess (*der sogenannte 5. Onkel) mal im Interview auf einer DVD sagte, man nie wusste wie Kevins Stimme weiter mitmachen würde?! Heutzutage scheint er hingegen fitter denn je zu sein?! Ich meine ihr habt ja 'ne Tour für Ende 2.016 in Planung.

Gonzo: Wir haben schon bei den Hockenheim Konzerten festgestellt, dass er fit wie nie ist und 4 Konzerte hintereinander abzuliefern in der Länge - jedes Konzert 3-3,5 Stunden lang, das ist schon krass! 

Jetzt planen wir die Tour zu Ende des Jahres und ich kuck' dem Ganzen eigentlich ohne große Sorge entgegen. Klar, auf 'ner Wintertour kannste dich immer mal erkälten oder irgendwas - also wir hoffen, dass alles gut geht, aber ansonsten von dem, was er bringt, mache ich mir da überhaupt keine Sorgen. 

Ja die Tour ist ja überhaupt so ein Thema, mensch wenn wir da erst einmal sind, beginnt ja der spassige Teil des Jahres sozusagen. 

Ihr habt es ja wieder einmal geschafft, wobei ich mega gestaunt habe, was auch ein Zeugnis dafür ist, wo ihr hierzulande in der musikalischen Historie berechtigterweise steht - ihr habt z. B. hier in Berlin die ehemals O2 World Arena, jetzt Mercedes Benz Arena bereits im Vorfeld ausverkauft...

Gonzo: Hieß die nicht vorher auch schon mal so? Ich meine ich könnte mich daran erinnern? Oder war das 'ne andere Arena?

Nee, du warst vorher schon im Velodrom bzw. die Onkelz glaube ich sogar auch, sofern ich mich bzgl. der Onkelz richtig entsinne?! Aber es gibt auch eine Mehrzweckeventhalle namens Arena hier in Berlin.

Gonzo: Alles klar, genau ja. 

Das war schon sehr groß, aber das war noch kleiner. Die Mercedes Benz Arena dürfte meines Wissens nach so ziemlich die grösste Location sein, die man in Berlin finden kann?! Und die ist an beiden Tagen ausverkauft! Ich dachte dabei nur WTF?! Was passiert da gerade? Das ist ja der Wahnsinn!

Gonzo: Ja, das ist der Wahnsinn! Wir hätten ja auch noch mehr Konzerte spielen können, aber irgendwann muss jetzt ehrlich gesagt auch mal Schluss sein. Wir arbeiten jetzt durch, wir hatten das Hockenheimring Ding anfang des Jahres aufgelegt, geschnitten, gemischt und so weiter, dann ging es direkt ins Songwriting von dem Album über, dann kam dieses Klassik Ding. 

Ich komme aus Nashville Mitte September zurück und nicht ganz Mitte Oktober, kurz nach Anfang, um den 8. Oktober rum, kann ich schon wieder zu den Proben weiterreisen. Wir sind dieses Jahr wirklich nur noch unterwegs. Wenn dann am 22.12. in Frankfurt (am Main) das letzte Konzert gespielt ist, dann muss es auch mal gut sein. (*lacht)

Das ist gerade ein guter Stichpunkt. Was die Konzerte angeht, wird es da nach der guten, alten Tradition denn wieder einen B.O.S.C. (*Böhse Onkelz Supporter Club) Bus geben?

Gonzo: Das haben wir dieses Jahr noch nicht geschafft. Wir sind am B.O.S.C. dran, aber jetzt bestimmt schon seit 2 Jahren. Das ganze Thema ist nicht so einfach, es sind rechtlich ein paar Sachen aus dem Weg zu räumen. Wir wollen ja den B.O.S.C. ganz neu aufziehen und sind der Meinung dadurch dass wir jetzt so viele andere Sachen machen müssen und uns zu 100% um die Neuaufstellung vom B.O.S.C. kümmern können, dann machen wir's nicht. Es wird wahrscheinlich nächstes Jahr Zeit dazu sein sich da mal wirklich 100%ig darum zu kümmern und das Ganze auf den Weg zu bringen.

Da ist ja euer Cover bzw. das gesamte Booklet vom neuen Album schon ein guter Anfang, wo ihr ja sämtliche B.O. Tattoos von Fans einbringen wollt. Ich bin sehr, sehr gespannt wie ihr das schaffen wollt da alle Tattoos zu integrieren?! 

Gonzo: Ja, das sind ungefähr 5000 Tattoos, die wir da erhalten haben. Aber das kriegen wir hin. (*bleibt Gonzo ganz der Optimist)

Ich habe meins z. B. nicht eingeschickt, weil meins einfach zu schlechte Qualität ist. (*wir lachen gemeinsam) Aber ich finde die Idee auf jeden Fall klasse! 

Um jetzt zum Abschluss zu kommen, eine Frage, die zwar jetzt nicht direkt etwas mit den Onkelz zutun hat, sondern eher mit dir als Onkel - du machst ja auch Solosachen, kann man da 2.017 mit etwas rechnen?

Gonzo: Also ich habe mir es jedenfalls fest vorgenommen! Für 2.017 sieht es so aus als würde bei den Onkelz ein bisschen mehr Ruhe einkehren (*sagt Gonzo vorsichtigen Tonfalls), obwohl ich gespannt bin, ob das wirklich so kommt? Aber ich hab's mir jedenfalls fest vorgenommen und versuch's auch hinzubekommen.

Ich bin wirklich gespannt. Wieder einmal merkt man, dass du ein waschechter Onkel bist, ist ja auch nicht zu verleugnen. (*wir lachen erneut kurz) Alle deine Alben sind ja immer sehr unterschiedlich - stilistisch, wie auch soundtechnisch, woran man auch merkt, dass du einen grossen Anteil in der Band hast, wie jeder andere Onkel aber auch! Also ich will jetzt gar nicht sagen, dass da einer einen grösseren Anteil hat. Meiner Meinung nach wären die Onkelz ohne dieses prägnante Gitarrenspiel vielleicht ganz andere Wege gegangen?! 

Gonzo: Auf jeden Fall. Das sehe ich genauso. Das sehe ich jetzt noch nicht mal als Lob oder irgend sowas, sondern das ist ja ganz klar, wenn jemand anderes mitgespielt hätte, 'ne andere Stilistik hätte, 'ne andere Herangehensweise, hätte es auf jeden Fall 'ne ganz andere Entwicklung genommen. Bei uns ist es auch so gewesen, dass jeder auch so eine Art ein bisschen Dickkopf ist. Das ist auch heut noch so, wir kriegen uns auch heute manchmal noch in die Wolle, wenn's über irgendwelche Diskussionen, gerade beim Songwriting musikalischer Art geht, aber weißt du das können wir heute! Wir tauschen uns aus, weil wir zum Beispiel jetzt an dem neuen Album arbeiten und alle das Beste rausholen wollen. Und da muss man auch mal diskutieren, was jeder so als das Beste ansieht?! Das ist auch gar nichts Böses, da lässt sich auch jeder gern vom Anderen überzeugen. Es muss halt ganz offen und ehrlich darüber geredet werden und dann kann's auch schon mal lauter werden. Gut wir sind 'n altes Ehepaar und das muss einfach drin sein.

Das Schöne bei den Onkelz heute ist, es ist auch einfach drin. 

Wie sagt man so schön, Kunst im wahrsten Sinne des Wortes, muss sich auch manchmal reiben. 

Gonzo: Ja, sonst kommste ja zu nix. Wenn du nur Friede, Freude, Eierkuchen hast, was soll denn dabei rauskommen? Und das sind so die Dinge, die ziehen sich bis zum Ende durch. Selbst beim Mix oder beim Mastering sitzt man noch da und sagt "Ich würd's aber so machen." und der Andere sagt "Ich würde es aber so machen.". Und irgendwie wird's dann zusammenklabüstert. Jeder will das Beste rausholen, jeder hat vielleicht 'ne andere Herangehensweise, jeder hört's vielleicht ein bisschen anders? Wichtig ist unter'm Strich, dass von uns das Beste rausgeholt wird, was in unserer Macht liegt da rauszuholen.

Am Ende zählt das Resultat. Es war auf jeden Fall einmal wieder super spannend! Egal mit wem von euch Onkelz ich ein (mündliches) Interview führe, ich könnte immer wieder stundenlang zuhören, weil es einfach nie langweilig wird. Mir fallen immer wieder neue Fragen ein, aber letztlich würde es am Ende nur den Rahmen sprengen. Leider. 

Wir sehen uns auf eurer Tour. Danke, dass du dir erneut so lange Zeit genommen hast!

Gonzo: Danke dir auch. Bis zur Tour dann!

 

Interview: Danny B

 

Fotoscredits:

MGR 2015 by Tom Lichtenwald©

MGR s/w by Tom Lichtenwald©

MGR (ebenfalls bunt; Live) by Alex Laljak©

 

http://www.onkelz.de/

https://www.facebook.com/boehseonkelzoffiziell/

 

BÖHSE ONKELZ TOUR 2016

  • 21.11.2016 Frankfurt, Festhalle
  • 22.11.2016 Frankfurt, Festhalle
  • 24.11.2016 Dortmund, Westfalenhalle
  • 25.11.2016 Dortmund,  Westfalenhalle
  • 27.11.2016 Stuttgart, Schleyer-Halle
  • 28.11.2016 Stuttgart, Schleyer-Halle
  • 01.12.2016 Wien, Wiener Stadthalle
  • 04.12.2016 Zürich, Hallenstadion
  • 06.12.2016 Hannover, TUI Arena
  • 07.12.2016 Hannover, TUI Arena
  • 09.12.2016 Leipzig, Messehalle 1
  • 10.12.2016 Leipzig, Messehalle1
  • 12.12.2016 Hamburg, Barclaycard Arena
  • 13.12.2016 Hamburg, Barclaycard Arena
  • 16.12.2016 Berlin, Mercedes-Benz Arena
  • 17.12.2016 Berlin, Mercedes-Benz Arena
  • 19.12.2016 München, Olympiahalle
  • 20.12.2016 München, Olympiahalle
  • 22.12.2016 Frankfurt, Festhalle

Rück-Kopplungen... 36 Jahre Böhse Onkelz

 

Wenn man etwas mit Bestimmtheit und vorurteilsfrei über die Böhsen Onkelz sagen kann, dann das, dass sie immer eine Band waren, die dem Hörer/-in, dem der/die sich mit ihnen auseinandersetzt die freie Wahl des "entweder-oder" Prinzips ließen. Entweder liebt(e) oder hasst(e) man die vier Frankfurter. 

"Gehasst, Verdammt, Vergöttert" waren keine leeren Phrasenschlagwörter, sondern zentrierter Umrisse dessen, was ihren Werdegang, ihre Persönlichkeitsentwicklung an Emotionen zu bieten hat(te). 

Gehasst von jenen, die sich an der Realität störten, die besagte, dass Menschen und Ansichten sich ändern können, egal aus welchem Umfeld, Mileu oder welcher subkulturellen Szene man auch entstammte. Verdammt von denen, die dachten der transformierte Sound des wirklichen (Er-)Lebens mit all' seinen brutal-realen Nuancen bekäme sie nicht zu fassen oder eben jenen, die an ihrem Feinbild festhalten und daran frustriert scheitern. Und schließlich vergöttert von jenen, denen die Böhsen Onkelz ein stilles Exil, starken Halt eines nahezu unzerbrechlichen Strohhalms boten und bieten, der aus den Erfahrungen der vier Onkelz selbst besteht. Ich würde sogar soweit gehen, dass die Böhsen Onkelz mit ihren vier unterschiedlichen Charakteren eine Art Mikroabbild des gesellschaftlichen Querschnitts bieten, im Guten, wie im weniger Guten. "MENSCHLICH" eben und doch für viele ihrer Fans göttergleich wie es nur wenige Musiker der Musikgeschichte waren bzw. sind, wie z. B. Lemmy (R.I.P.), Ozzy, Morrison, Lydon (aka Rotten), Vicious... keine neverending List. 

 Fast schon beängstigend, wenn man dann zurückrechnet und einem auffällt, dass man selbst mindestens im 28.(!) Jahr der Hör-Liason mit den Onkelz ist und auf den Wegen so manche Parallele durchlief, aber auch Dinge, die man eben nur als einstiger Die Hard Fan erlebte.

Da ich nie ein Freund halber Dinge war, werde ich nun auch alle(!) Alben unter die Rückschau-Ohren nehmen, die man schließlich alle auch gehört hat. Ich weiß, dass mir das auch heute noch manch' Eine/-r verübeln wird, aber das kann mir nur von Herzen egal sein, denn die Musik der Onkelz war vor allem in den prägenden Momenten meiner Wege (vor allem in Jugendtagen) immer da. Einmal kommt die Zeit da man für alle (quasi gemeinsam erlebten) Momente danken möchte, indem man genauso ehrlich zurückblickt (natürlich alles aus der momentbehafteten Sicht des Hier und Jetzt). Bestandsaufnahmen und Resümees.

 

Der nette Mann  (1.984)

Das Debütalbum von vier Jungs, die zur ersten Generation Frankfurter Punks zählten. Angelic Upstarts, Cockney Rejects und obendrauf Hösbach-Frankfurt-vermischter brutal-rostiger Reibeisen Jugendcharme mit jeder Menge Strassendreck und Übermut unter den Nägeln. 

Aus eigener Sicht lief mir "Der nette Mann" erst 4-5 Jahre nach Erscheinen per Kasettenkopie in die Ohren, die ein befreundeter Skinhead mir von seiner Originalplatte gezogen hatte. Manche hatten gutgehende Connections und kamen an sowas ran. Ich kam selbst vom Punk und war mit den Sex Pistols, Angelic Upstarts, U.K. Subs, Nina Hagen, OHL, Die Toten Hosen, Abstürzende Brieftauben und diversen Mixtapes voll im Rausch des präpubterären Aufbegehrens und hatte noch vor dem Debütalbum der Onkelz das "Kneipenterroristen" Album gehört, mit dem mich die Onkelz längst im Sack hatten. 

Nebendran liefen auch diverser Metalbands wie Metallica, Manowar, Helloween... im Hause Helm herrschten also Gitarren vor, nachdem Depeche Mode, Billy Idol und sonstiger Radiokram etwas zu monoton wurde. 

Lange Rede kurzer Sinn. "Frankreich '84" läutete quasi den offiziellen Teil der Bandgeschichte der Böhsen Onkelz ein, von der ich damals nicht den Hauch einer Ahnung hatte. Gerüchte und Halbwahrheiten waren die Basis damaliger Informationen. Bilder hatte keiner, außer Besitzer der Originalplatte. In meinem Fall wohnte dieser aber etwas außerhalb, ein Dorf weiter. Aber Bandbilder interessierten mich damals auch nicht grossartig, sondern der Sound, da ich wie gesagt schwer auf Kevin's Stimme abging und diesen charmant-dreckigen Sound, der perfekt zu den "Keipenterroristen" Liedern passte. Als dann nach dem übermütig-überzogenem "Frankreich '84" (Track 1) "Fußball + Gewalt" (Track 2) mit "Samstag Mittag, Stadionzeit..." nach kurzem Ska-intoniertem Lauf ein Text einsetzt, der wie ein Abbild wilder Fußballparties klang und roh, aber direkt vom Leder zog, wurde dieser schnell zu einem meiner neuen Faves damals. Heutzutage würde ein Song wie dieser mit Sicherheit irgendwo in den Weiten deutschsprachig tönender Bands in einem Gähnen untergehen, wenngleich die Soliläufe von Gonzo hier mit Sicherheit damals wie heute für Alleinstellung auf weiter Flur sorgt(en). Irgendwann später in den '90ern las ich den Textabdruck zu "Fußball + Gewalt" sogar mal in einer Ausgabe des Magazins der AOK Krankenkasse, wo man die Onkelz "natürlich" nicht gerade wohlwollend abhandelte. 

"Der nette Mann" (Track 3) Albumzentrum und Gegenstandsargument der späteren Begründung für die Indizierung, schärfte den Blick auf realexistente Perversitäten, die im Text beschrieben wurden. Als Animierung zu Gewalt und Perversion verstand man den Song damals aber in keinster Weise - im Gegenteil die Thematik war nicht neu, sondern eher eine, die gesellschaftlich lieber totgeschwiegen wurde, zumindest wenn es um die Realität ging. Kevin (Russell) hatte in seinen damals noch jungen Jahren etwas geschafft wovon heute noch viele Wannabes träumen, die sich ans Mikro stellen und auf dicke, harte Hose machen. Er schaffte das, was ein guter Schauspieler transportieren/abliefern können muss, um eine Rolle glaubwürdig und in diesem Falle so abstoßend brutal-pervers wie irgend möglich klingen/aussehen zu lassen und obendrauf setzte er parallel den Klang der Abscheu. Vielleicht stieß es genau dieser Transformierung wegen einigen Ausblendern in den Mainstream- und staatlichen Büroetagen (der Indizierungstelle[n]) so bitter auf wie der Gallensaft am Ende eines unglücklichen Umtunks? 

Das Lied "Deutschland" (Track 4) war dagegen freilich nicht der grösste Geisteswurf innerhalb der Frankfurter Gossen. Ich persönlich fand zwar diese Art Patriotismus um die Wendezeit mal kurzzeitig nicht abwegig, aber ähnlich wie dieses Lied verpuffte das ähnlich wie ein Furz in den Weiten der Zeit. 

Gut dass "Singen und Tanzen" (Track 5) dem Ganzen, wenn ich das Album heute höre, die geistige Blässe nimmt, Skatänze mitbringt und somit einen immer gern gehörten Partysong erklingen ließ, der damals tatsächlich sogar neben ähnlich leichtfüßig-albernen Partykrachern der Toten Hosen lief. Und wenn es schon pubertär zotig zuging, durfte auch 'ne Schweinenummer wie "Mädchen" (Track 6) gewähren. Zwar hätte sich Alice Schwarzer in jenen Tagen (sofern sie das Lied gehört hätte) mit Sicherheit in Stephan Weidner's Waden verbissen, aber in jenen Tagen sahen nur die Wenigsten ein Lied wie dieses zu überernst, im Gegenteil das durfte damals immer ungeniert raus wie die etwas peinlichen Resultate erster feuchter Träume. 

 Irgendwie passt "Der nette Mann" als Album auch nur in die Epoche der frühen Jugend. Ich für meinen Teil habe das Album zur perfekten Zeit gehört, ich stand schwer auf Horrorfilme wie "Nightmare On Elm Street", "Freitag der 13." etc., da passten ein Song wie "Tanz auf deinem Grab" (Track 7) bestens rein. Der Song wurde später sogar von Stomper 98 (*Zweitband von Tommi Tox; Toxpack) als Livecover gebracht. "Dr. Martens Beat" (Track 8) umreißt dann die damalige Attitüde der Onkelz, die nicht gerade zimperlich war. Da gibt es nichts zu beschönigen, aber Richter will ich hier gar nicht spielen, denn jeder der Onkelz hat für seine Fehler mehr als nur einmal teuer bezahlt. Man muss diese Art Songs ja heutzutage nicht ernst nehmen, denn musikalisch waren die Onkelz damals zwar schon einzigartig, aber doch noch verdammt weit weg von den Fähigkeiten, die sie einmal haben sollten. Die einfachen Songstrukturen funktionierten bestens und haben für mich Oi Punk Charakter, wie es z. B. "Vereint" (Track 9) im Sham 69 Urgeist fordert. Nur eben mit dem Unterschied, dass die Onkelz sich auf "Der nette Mann" bereits als Skinheads präsentierten. 

 Die Themenvielfalt jedenfalls blieb auf "Der nette Mann" noch übersichtlich, wenngleich Kultpartyhymnen wie "Freibier" (Track 10), "Freitag Nacht" (Track 12) und "Alkohol" (Track 14) deutliche Highlights waren, während Lieder wie das Skastück "Stolz" (11) und die erste Bandhymne "Böhse Onkelz" (Track 13) maßgeblich den Zulauf an Skinheads landesweit beeinflussten. Allerdings entstieg dem Ganzen eine Eigendynamik, die nicht einmal die Onkelz selbst erahnen konnten. Im Grunde kann man sagen, dass manche Songs dem Übermut oder vielleicht auch der jugendlichen Naivität entglitten sind für die sich die Onkelz später selbst am Meisten rechtfertigen würden. 

 Dieses erste Onkelz Album ist zwar nicht unbedingt zu empfehlen, aber der Onkelz Interessierte kommt an diesem Erstwerk nun einmal nicht vorbei, denn es gehört wie jede Narbe in die vier Gesichter der Macher, zu ihrer Geschichte und ihrer Entwicklung. Das Leben hat mindestens wie jede Medaille immer zwei Seiten.

  

Böse Menschen - Böse Lieder (1.985)

Mit "Böse Menschen - Böse Lieder" erschien (meiner subjektiven Ansicht nach) das beste deutschsprachige Oi Album aller Zeiten, das musikalisch einen Quantensprung in Sachen Musikalität einer Band darstellte, die gerade mal seit 5 Jahren bestand. Der einzige optische Skinhead bei den Onkelz war zu dieserV Zeit nur noch Sänger Kevin. Rein optisch glichen die anderen Onkelz sonst eher den Bands, die sie in Punkzeiten selbst noch verehrten Sham 69, The Clash bzw. in Pe's Fall ging das sogar bis zum Psychobilly Look, während Gonzo optisch an Elvis erinnerte, wenn man das Bandfoto betrachtet.

Man sollte dabei die Zeiten und die Umstände nicht außer acht lassen, die 1.985 gegeben waren. Kein Internet, Instrumente waren teuer, kein YouTube, keine Songbooks mit Noten - alles noch schwerer D.I.Y. Stoff, der viele junge Musiker auf den Prüfstand stellte, ob sie genug Biss, Wut und Attitüde in Bauch und Herz hätten, um sich den Erfolg zu erarbeiten. 

Rein soundmäßig war "Böse Menschen - Böse Lieder" wesentlich fetter aufgestellt und trotzdem noch roh genug, um mit quasi den selben inhaltlichen Zutaten wie beim Debütalbum zu punkten. "Heute trinken wir richtig" (Track 1) kam zu den Kultpartyhymnen, die die Onkelz im Laufe der Dekaden in schöner Regelmäßigkeit zusammenschusterten. Anders als auf "Der nette Mann" gingen die Onkelz thematisch erstmals auch auf die politischen Veränderungen innerhalb der europäischen Skinheadszene ein. Wer "Danke für nichts" gelesen hat, weiß worum es bei "Signum des Verrats" (Track 2) wirklich geht. Paradoxerweise warfen später die Rechten den Onkelz genau das vor, was die Onkelz selbst in "Signum des Verrats" besangen. Allerdings haben die Onkelz sich zu keiner Zeit, für kein Geld der Welt verkauft, was den gravierenden Unterschied bzgl. der Vorwürfe der rechtsgesinnten Marktschreier ausmacht(e).

Nicht ganz nebenher spuckte diese Album den Muttersong aller Mutmacher aus. Mit rauem, onkeligen Charme, aber im Abgang doch im Herzzentrum zu Hause, wurde "Die Stunde des Siegers" (Track 3) zur zeitlosen Hymne, die die Onkelzfans alle einte, egal ob Punk, Skinhead, Metalhead, Rasta... aus welcher subkulturellen Ecke auch immer das Ohr des Hörenden stammte - "Die Stunde des Siegers" wurde zur zeitlosen Hoffnung für die, die die Hoffnung auf ein besseres Leben antreibt. 

Dass diese Scheibe sogar 'nen schönen Schmunzelschunkler zuließ, den man mit 3,8 im Turm schon mal ins Rund jeder ausufernden Party lallt, zeigte die Böhsen Onkelz von einer neuen Seite, mit der sie auch über sich selbst lachten - "Was kann ich denn dafür" (Track 4). Ob es dabei gewollt war, dass der "Der nette Mann" Folgesong "Ein Mensch wie Du und ich" (Track 5) sich deutlich abhebt, weiß ich persönlich nicht zu beurteilen. Musikalischer breiter, derber, aber gefühlt doch zahmer und schwerere Kost für Indizierer, die sich damals an diesem Song vermutlich die Zähne haben freiwillig ziehen lassen, weil man sich sie sich sonst an der Art des Blickwinkels (aus dem der Song erzählt) ausgebissen hätte. Ein cleverer Schachzug der Onkelz, mit dem Salzfinger in der Ignoranzwunde der Nation. 

Als onkelztypisch galten schon seit Anbeginn die selbstbewussten Töne über sich selbst, allerdings nicht ohne Augenzwinkern - "Keiner wusste wie's geschah" (Track 6). Dieser Song wäre ein guter Kandidat für zukünftige Konzerte, da er schon seit sicher zwei(?) Dekaden nicht mehr live gespielt wurde. Was dieses Album zum Oi Album Nr. 1 hierzulande krönte, war das Lied "Hässlich, brutal und gewalttätig" (Track 7), dem nicht nur jede Menge echte Wut im Bauch lag und sich den Weg durch's Mikro bahnte, sondern erklärte auch unmisverständlich die Sichtweise wie die Onkelz sich selbst sahen. 

Auch Religion, Glauben bzw. Kirche waren schon früh eine Thematik, die die Onkelz beschäftigte. "Nennt mich Gott" (Track 8) war die verbale Rüge, die stilechte Verbalohrfeige in Richtung der Kirche(n), die aus dem Glauben Profit machten und die Nächstenliebe nur soweit lebte(n) wie es deren "menschliches"(!) Wohlwollen erlaubte. Da passte ein Schmunzel-Ska-Song wie "7 Tage ohne Sünde" (Track 9) klasse ran. Oi pur zum Abgang mit dem Lied "Hass" (Track 10) - dies' jedoch ganz und gar nicht rechts, aber auch nicht links, sondern direkt aus dem Alltag jener Zeiten heraus. Unverblümt, laut, straight und ehrlich wie es die Onkelz immer mitführten.

 

Mexico (Mini-LP; 1986)

Genau genommen war "Mexico" die letzte Veröffentlichung, die man unter der "Skinheadphase" der Böhsen Onkelz verorten kann. Fluch und Segen liegen bei dieser 6 Track-umspannenden Vinyl recht dicht beieinander. Fluch, weil es mit "Stolz (schnelle Version)" (Track 3) einen der Songs in petto hat, die den Onkelz noch einige Jahre das Problem rechtsarmlastiger Skins und Scheitelträger auf ihren Konzerten bescherte. Segen hingegen, weil mit "Mexico" (Track 1) ein echter Evergreen entstand, der sämtliche Fußballstadien bis heute heimsucht, sowie kein Onkelz Konzert mehr ohne ihn auskommen ließ. Ich für meinen Teil kann "Mexico" nicht mehr hören, wenngleich es mich an eine grossartige Weltmeisterschaft erinnert, als Fußball noch von Charekterspielern lebte und es nicht so verdammt stark nach Geld und Ausverkauf in den Vereinen stank. 

Wenn man aber die vermeintlichen Vinylfüller genauer hört, konnte man noch viel mehr klasse Songs entdecken. "Das Tier in mir" (Track 2)  z. B. ist ein Lied, dass ein dermaßen passgenaues Abbild von Kevin Russell's Seelenleben, dem inneren Brodeln, den Sprung in den Vulkan (beschränkt auf seine Zeit als Jugendlicher und späterer Drogenabhängiger) zeigt, dass es zum Faszinosum werden musste, zumindest für mich. Diese Kraft, die hier mitschwingt, trieb einen parallel durch so manchen Wahnsinn, der unter der Headline Kamikaze oder Wahnsinn (alternativ geht auch der Begriff "lebensmüde") ein zu Hause hatte.  

Aber auch leichtere Kost wie "Stöckel & Strapse" (Track 4) oder "In jedem Arm 'ne..." (Track 5) blieb hängen. Einen Song wie "In jedem Arm 'ne..." würde ich genauso gern wie "Gesetze der Straße" (Track 6) zu gern einmal live vom Original hören wollen. "Gesetze der Straße" dürfte wie kein zweiter Song "Mainhattan" in den Spät-'80ern/frühen '90ern beschreiben. Weit hinten im Schatten der Banken und deren wolkenkratzenden Profitgier.

Wie der/die Onkelz-Informierte weiß, war das Release namens "Freitag Nacht", das einst in einer Vinyl- und später auch als CD-Version (*in der CD Version unter dem Titel "Freitag Nacht/Mexico") bis in die '90er Jahre mehr oder weniger illegal bei diversen Händlern unter dem Ladentisch zu haben, ohne die Zustimmung der Onkelz. Es gab somit sehr früh Leute, die vom Namen der Band und ihren Liedern finanziell profitierten, so wie es später so manche Gazettenherausgeber und ihre dürftig informierten Schmierfinken (die Meisterschaften im Abschreiben und Storyzusammendichterei bis zur Kotzgrenze veranstalteten) ebenfalls taten, um mittels ihrer märchenhaften Sensationsstories höhere Auflagen zu verkaufen. Doch dazu später mehr. 

 

Onkelz wie wir...  (1.987)

Paradoxerweise lernte ich das "Onkelz wie wir..." Album erst NACH dem chronologischen Folgealbum "Kneipenterroristen" kennen. Was beide Alben in Sachen Medium einte, war die Tatsache, dass ich beide Ende '87/Anfang '88 als Kassettenkopie in die Finger bekam. Schon der Opener "Onkelz wie wir" (Track 1) war ein musikalisches Alleinstellungsmerkmal in damaligen Tagen und infizierte mich voll und ganz, wenn da (wie gesagt nach dem "Kneipenterroristen" Album!) überhaupt noch irgendeine Faser in mir nicht onklifiziert war?! Zwar verstand ich als damals frühpubertärer Punk-Kid noch nicht so recht den Textinhalt des Albumtitelsongs, aber der Sound klang nach der Art von Härte, die in meine sonst Punk und Metal vermischte Welt perfekt reinpasste. Kevin war von der stimmlichen Härte ab 1987 (bis ca. 1.991) vergleichbar mit Brian Johnson (*AC/DC) in seinen besten Tagen. Nur eben, dass Kevin immer nach sich selbst klang. Originalkurs eben. Genauso wie Gonzos Gitarrenspiel, das mit Sicherheit ein großer Faktor ist, warum die Onkelz überhaupt auf Erfolgskurs durchstarteten. Langsam, Schritt für Schritt, aber doch kontinuierlich spürbar - auch in der ehem. DDR!

Sicher, thematisch war "Onkelz wie wir..." eine Art Fortsetzung von "Böse Menschen - Böse Lieder", aber mit neuem Sound und noch mehr musikalischer Bandbreite. Da gab es z. B. die Evergreen-Ballade "Erinnerungen" (Track 3), die sogar Piano-gestützt nach neuen Horizonten suchte oder auch das Antikriegslied "Bomberpilot" (Track 4), das von einigen Hohlköpfen falsch ausgelegt wurde. Ich selbst interpretierte das Stück anfangs zwar auch in eine andere Richtung, allerdings eher als Anarcho Punk, der Sex Pistols-durchtränkt war, war "Bomberpilot" für mich damals der Song, mit dem ich mir damals echt schräge Menschenhassgedanken ausmalte. Ich hasste Autoritäten, eckte überall an, zu Hause gab es für meine immer wiederkehrenden Aktionen ordentlich "Schellen" (*so nennt man die härter gepunchten Ohrfeigen im Thüringer Raum) und Standpauken en masse. Da war es fast die logische Trotzkopffolge, dass ich mich eine Zeit lang selbst "Bomberpilot" nannte. Die autoritäre Spießerwelt wegbomben... das waren irgendwie "normale" Pubertätsträume eines JungPunks, der als schlechter Umgang/Problemkind galt und in jenen Pubertätstagen einfach Spaß am Teemagerleben haben wollte. Zigarretten, Bier, Fusel... "Dick + Durstig" (Track 5), "Schöner Tag" (Track 8), Rebellionsgeist -"Falsche Propheten" (Track 6) und Hang zu Horrorfilmen/Killerstories "Heut Nacht" (Track 9). 

"Heut Nacht" war deutlich härter als z. B. "Freitag der 13." von den Toten Hosen, die damals noch parallel gehört wurden. Die Onkelz hatten genau die Härte, die den Toten Hosen damals leider fehlte. Mochte man härteren Metal, konnte man die Onkelz mit "Onkelz wie wir..." lieben lernen, zumal Metalheads (ähnlich wie Punks und Skinheads) auch den Ruf innehatten nichts als asselige Rowdys zu sein. Insofern passte "!" (Track 10) bestens in den Wegeslauf der späten '80er Jahre, zumindest in meinen.

Um "Onkelz wie wir..." sollte es später, fast am Ende des ersten Teils der offiziellen Onkelz-Bandgeschichte noch einmal rechtliche Querelen geben. Nachdem die Onkelz selbst das komplette Album noch einmal neu Aufnahmen, erschien eine "Black Edition" mit den Originalaufnahmen in den Musikmärkten. Diese "Black Edition" war im Grunde wie die Original CD, nur eben mit schwarzem CD Rohling. Als ich mir das Originalalbum nachkaufte (da ich in den '90ern eine Menge Geld brauchte, verkaufte ich alle möglichen Onkelz Sachen, die ich damals besaß), erstand ich genau solch' eine "Black Edition", kaufte mir aber auch die Neuaufnahmen der Onkelz, zumal beide Aufnahmeversionen ihre Berechtigung haben und auch beide ihren Reiz haben.

 

Kneipenterroristen  (1.988)

Beim Album "Kneipenterrorismus" lag mein persönlicher Einstieg, die Erstberührung mit dem Onkelz Universum. Die Strasse, die die beste Einbahnstrasse ever war, man fuhr nicht nur schwer darauf ab, sondern folgte dem Weg, weil er allein das Ziel war und immer (noch) ist.

Die tiefschneidende Gitarre von Gonzo und Kevins Explosion mit: "Mütter sperrt die Töchter ein und rettet euren Sohn..." ("Kneipenterrorsten", Track 1) waren unvergleichlich, unbezahlbar und voller Testosteron, das von einer Druckwelle getrieben zu neuen Ufern katapultierte. Nicht nur, dass dieser Opener den Türrahmen sprengte durch den der eintretende Schattenmann auf dem Coverartwork kam, nein, auch die Metal-Fachpresse konnte die nun stärker Metal-gelagerten Onkelz nicht mehr ignorieren. Anders als der Großteil der Medienvertreter im deutschsprachigen Raum, waren es vor allem Leute wie z. B. Götz Kühnemund (ehem. Metal Hammer; ehem. Rock Hard; Deaf Forever), die enorme Pionierarbeit in Sachen geradliniger Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft der Onkelz leisteten. Vielleicht spielten dabei auch Songs wie das starke "Religion" (Track 2) eine grössere Rolle, bei dem es sich nicht um dasselbe Lied wie auf den ersten Demos der Onkelz handelte. Bei vielen Metalheads, die z. B. Bands wie Venom gerade wegen der kritischen Haltung der kirchlich-kommerziellen Doktrin gegenüber abfeierten, wurde "Religion" zur gefeierten Hymne. Unbequeme Themen inhaltlich auf den Punk-t anzusprechen war ja keine Neuigkeit bei den Onkelz, die Qualität reifte - textlich, wie auch musikalisch, was man auch an "gängigen" Schweinestücken wie "Lack und Leder" (Track 3) wahrnehmen konnte, das später auch zu offiziellen Live-Ehren kommen sollte.

Aber auch der Humorgehalt wurde auf diesem hochprozentigen Album auf lockerem Maß beibehalten, wie man es bereits von den beiden Vorgängeralben her kannte. "So sind wir" (Track 4). Aus leichter Hüfte heraus schafften die Onkelz es mit ihren Bandhymnen, die bereits seit den Anfangstagen zu einer Art gern gepflegten Tradition wurden, Hymnen-Singalong zu kreieren. Vier Stimmen, die Chöre animieren sollten. 

Damals noch schwer Kult (auch bei englischsprachigen Metalbands) galt man etwas, wenn man Horrorfilmszenarien fantasievoll angereichert vertonte. Da war "Tanz der Teufel" (Track 5) das schleppend-inszenierte Qualenszenario, das Bilder aus dem teils trashigen Filmoriginal wachrief. Was hier mehr als "bö(h)se" klingt, darf auf das Konto von Kevin's packendem Gesang gehen, der von der Umgebung des tief-schwarzen Sounds lebt. Da mutet es fasst etwas "scary" an, dass der Instrumentalsong "28" (Track 6) leichtfüßiger über die Saiten kommt, aber wie die Tür zu Kevin's ganz privatem Höllensog, der spiralförmlich über die Jahrzehnte den Tiefgang ausloten sollte. Folglich könnte man das Coverartwork im Nachhinein - sprich aus heutiger Sicht als prophetische Vision ansehen. 

Dabei sollten auch die Instrumentalergüsse zu einer (noch neuen) Tradition werden, die vor allem das musikalische Wachstum einer Band zeigen sollte, die sich (abgesehen von Gonzo) aus einem musikalischen Anfängerstatus heraus gegründet hatte. 

Sprach ich eben noch von Kevin's Höllensog, kann man "Guten Tag" (Track 7) als den Türspalteinblick betrachten, der all' das verborgen Böse zutage befördert. Genau genommen eine Art Vorwarnung sich nicht auf Drogen(dealer) einzulassen. Da wird es niemanden verwundern, dass die Onkelz mit jeder weiteren Kneipenschlägerei nicht nur viele Scherben hinterließen, sondern auch Freunde in den Knast gehen sahen - "Nie wieder" (Track 8). Da Kevin selbst auch schon mal im Knast landete, erklärt sich die Glaubwürdigkeit selbstklingend. Teils waren die Onkelz-Wege mit albtraumhaften Trips gepflastert und wurden mit dem Horrorfilmkult ausgeschmückt. "Freddy Krüger" (Track 9) kuschelte mit Kevins Dämonen in Lauerstellung, teils fiktional, teils schwer real, aber vor allem hörbar. Da mutete der Türschließer "Ein guter Freund" (Track 10) fast etwas neben der Spur des sonst tiefschwarzen Raumes an. "Ein guter Freund" war der erste, offizielle Coversong der Onkelz, der bis dato veröffentlicht wurde. Das Original stammt von den Comedian Harmonists und wurde erstmals 1.930 von selbigen aufgenommen. Das Lied selbst sollte u. a. durch den Schauspieler Heinz Rühmann und dem Film "Die Drei von der Tankstelle" (*1.930) zum fröhlichen Liedgut eines unbeschwerten Landes am Ende der Goldenen 20er Jahre werden. In doppeltem Sinne ein guter Schlußpunkt. 

 

Lügenmarsch [EP]  1.989

Im Finaljahr der '80er Jahre Dekade vollzog sich nicht nur jede Menge Geschichte in Europa, womit man den Titel "Lügenmarsch" dieser Picture Vinyl auch assoziieren könnte, wenn man an den späteren Onkelz Song "Worte der Freiheit" denkt, doch dazu an späterer Stelle mehr. Die Onkelz selbst veräußerten den Titel als ironisches Statement und Seitenhieb in Richtung sie diffamierender Pressevertreter. 

Doch alles der Reihe nach. Mit "Ein guter Freund" (Track1) setzte man einen Opener aus den "Kneipenterroristen" Aufnahmesessions als Opener, wobei naheliegenderweise alle Stücke von diesem Release diesen Sessions entstammen dürften, was man z. B. am Klangbild hören kann. Der in den Lauf passende Gassenhauer-Singalong "Könige für einen Tag" (Track 2) sollte zu einem Evergreen werden, dessen eingängiger Refrainteil bei den Konzerten ab "Live in Vienna" in etwa etwas erneuert wurde und Kevin stimmlich mehr forderte. Ein Lied, das man unbedingt wieder live spielen sollte.

Mit dem EP/Pictury Vinyl Titelstück "Lügenmarsch" (Track 3) kam dann Humor mit Ironie gepaart zum Zuge, was als das eingangs erwähnte Statement in Richtung Presse und derer, die die Onkelz entweder als Verräter brandmarkten (was meist aus dem rechten Lager kam) oder in Richtung derer, die sie noch immer als "Naziband" bezeichneten, seine Wirkung nicht verfehlte. Letztere Darstellung wurde sowohl von 90% der Medienvertreter, wie auch dem radikal linken Kern mit viel Aufwand aufrecht erhalten und zwar so stur monoton, dass man sich für beide Ohren Taubheit selbst verordnete und die Augen krampffest zukniff, wenn die Onkelz auch nur eine Silbe gegen Gewalt äußerten bzw. sich offen ihrer Vergangenheit stellten. Die Einladung "Für die, die unsere Texte nicht versteh'n, hereinspaziert, hier gibt es was zu seh'n." konnte man zwar frei interpretieren, aber wenn man sie locker las/hörte, könnte man das als eine Art "Tag der offenen Tür"-Jargon bezeichnen, wie man ihn bei Firmen oder Sozialprojekten seinerzeit tausendfach hätte lesen können. Klar, war die Vergangenheit damals ein Thema - für die Öffentlichkeit, die Onkelz selbst (in ihrem Reifungsprozeß), wie auch für ihre wachsende Fanbase, die zu dieser Zeit auch Metalheads für sich gewann.

Wenn man "Lügenmarsch" musikalisch und klangtechnisch betrachtet, konnte man ein klein wenig erahnen, wozu die Onkelz noch imstande wären bzw. waren. "Lügenmarsch" ist aus meiner (subjektiven) Sicht eine Art Basisskizze für das Album "Es ist soweit", zumindest was zwei, drei Lieder stilistisch angeht. Wieder einmal holen Kevin und Gonzo den Ohrwurm raus.

Die restlichen Lieder "Freddy Krüger" (Track 4), "Guten Tag" (Track 5), "Tanz der Teufel" (Track 6) und "Religion" (Track 7) erspare ich den Doppelunterzug. Fakt ist, dass diese EP mehr Inhalt hatte wie es heutzutage bei vielen Bands und deren EP Veröffentlichungen der Fall ist. Einmal mehr unterstrichen die Onkelz bereits sehr früh, dass sie ihren Fans immer etwas für ihr hart verdientes Geld bieten. Eine Regel, die immer von Bestand blieb, egal wie superlativ die Onkelz im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch ihr Ding durchzogen.

 

Es ist soweit (1.990)

Mit diesem "Überalbum" (wie die Kids es heutzutage wohl ausdrücken würden) zementierten die Onkelz ihren Weg nach oben. Direkt aus den dunklen Nebenstrassen und den liebevoll graffitiverschönten Gossenghettos Frankfurt am Mains gaben die Böhsen Onkelz nun auch die Antwort auf die Fragen der Musikerwelt und aller Skeptiker, wenn es darum ging ob die Onkelz musikalisch auch mehr als drei Akkorde und Singsang vorzuweisen hätten? (was an und für sich längst bewiesen war) Die Antwort kam mit einer durchschlagenden Energie in Form von "10 Jahre" (Track 1). Nicht nur, dass bereits das kultgewordene-, vierteilige- aus einer Collage aus einem unveröffentlichten Comic von Prof. Jean-Ullysses Völker (Hochschule Mainz) bestende Coverartwork folgte der eher in der Metalszene liebgewordenen Tradition ein Album auch ungehört anhand des Coverartworks zu kaufen, sondern es sollte eines der mit Sicherheit meistgestochenen (Onkelz-)Fantattoos der '90er Jahre werden. 

Doch zurück zum Song "10 Jahre", in dem Andreas "Trimmi" Trimborn (R.i.F.), Teil der Onkelz-internen Familie, zu hören ist, der aber die Veröffentlichung des Albums nicht mehr erleben sollte, was einen mehr als tiefschneidenen Punkt in der Bandhistorie markiert. Mehr dazu bei der Review zu "Wir ham' noch lange nicht genug". "10 Jahre" war die Reifung von Singalongs wie "Kneipenterroristen", nur mit weniger Scherben und eingängiger als "Lügenmarsch" z. B.. 

Deutlich düsterer und fieser spannten die Onkelz auch neue Tabuthemen auf die Saiten und holten eine tiefschwarze Perversität an die Oberfläche der Realität "Nekrophil" (Track 2), die selbst den Song "Der nette Mann" weit in den Schatten verwies. Dennoch sollte man nun nicht billigen Gerüchten/Geschichten zufallen - keiner der Onkelz steht auf Nekromantik. ;-) 

Die Onkelz, so kann man spekulieren, standen eher immer auf ihren bandeigenen Sound und schienen regelrecht süchtig danach zu sein diesen zu schleifen/immer wieder neu zu entwickeln. Spätestens ab "Es ist soweit" konnte man die packende Energie des Songwriting-Duos Röhr/Weidner/Schorowsky nicht mehr ignorieren, denn dafür hatten die Songs einen zu immensen Druck im Sound und eine Kraft inne, die Mauern zu durchbrechen imstande ist. -"Wilde Jungs" (Track 3)-

Neu ab "Es ist soweit" war, wenngleich sich mit "Erinnerungen" diese Möglichkeit angedeutet hatte, der balladenhafte Anteil auf den Onkelz Alben ab 1.990. "Nichts ist für die Ewigkeit" (Track 4). Damals eher ein zaghafter Einblick in das bis dato eher von Gerüchten und Geschichten umwobene Leben der vier Onkelz, später gewachsen zur Bandyhymne und Vorlage als Überschrift eigener Wege, die (wie man heute weiß) zu Gigantenevents an den Hockenheimring führten. Allein wie Kevin unter akustischer Begleitung "Glaubst du alles was ich sage? Glaube du du weißt wer ich bin?..." intoniert, ließ im Sommer 1.990 eine Gänsehaut aufkommen, die einen bis in den letzten Winkel kroch, so dass man seinem Bauchgefühl folgte und es Recht behielt. Das konnten nicht Menschen sein, die sich stumpf durch die Kneipen prügelten, wie der Pflug monoton, unnachgiebig den Acker durchfährt. "Nicht ist für die Ewigkeit" wurde ein wesentlich stärkeres Argument der Onkelz, einfach, weil sie es zuließen sich so zu zeigen wie sie waren/sind. Unter dem rauen Charme der Tattoos und der mittlerweile gewachsenen Haare (bis auf Pe), zeigten sich vier Typen, die einfach ihr Ding machen wollten und Spaß an ihrer Mucke hatten, was bis heute so geblieben ist. Nichts aufgesetztes, sondern straight ins Ohr. Und genau dieses authentische Argument vergaß jeder Nörgler, Miesepeter bis hin zum Axel-Springer-geschulten Gazettenschreiber, der seinem Redakteur ganzheitlich in den Arsch kroch, um gebauchpinselt oder gar auf Kosten der Onkelz befördert zu werden.

Die Onkelz selbst suchten nicht, sondern boten Alternativen an, auf vielen Ebenen - "Wenn du einsam bist" (Track 5) <= diesen Song bzw. eigentlich das gesamte Album "Es ist soweit" würde man zu gern einmal live erleben! Zumindest kamen ja so einige "Es ist soweit" Lieder zu Liveehren, von daher ist das Begehren auf hohem Niveau. Die Tattohymne "Keine ist wie du" (Track 6) z. B., die vor allem Kevins Leben als Tätowierer bzw. das des Seefahrers mit einer ganz eigenen Romantik umriß. Ich weiß noch wie ich in damals noch jungen Jahren einfach von einem Lovesong ausging, zwar in gewisser Weise auch recht behielt, die Thematik aber trotz eigener, erster, selbstgestochener Tattoos haarscharf verfehlt hatte, haha. Ganz anders die fast prophetische Thematik in "Hast du Sehnsucht nach der Nadel?" (Track 7), die Silbe um Silbe für Sänger Kevin zur jahrzehntelangen Mantrafrage werden sollte. War "Hast du Sehnsucht nach der Nadel?" noch relativ "verhalten" vom Tempo her, peitschte "Paradies" (Track 8) mit einem Metal-lastigen Überschall durch die Thematik wie der Reiter durch Nacht und Wind im "Erlkönig". Nebenbei gesagt bannten die Onkelz später auf der 2DVD+2CD "20 Jahre, Live in Frankfurt" (2.001) eine unglaublich starke-, die Studioaufnahme noch toppende Liveaufnahme. 

Jeder Song auf "Es ist soweit" ist ein verdammt starkes Argument, um "Es ist soweit" mindestens in die Top 5 der besten Onkelz Alben aller Zeiten zu nominieren. Für mich persönlich ist "Es ist soweit" aufgrund des unvergleichlichen Sounds und des Drives das Album der '90er Jahre, wenngleich die folgenden Album gewiss alles andere als schlecht(er) waren. 

"Das Leben ist ein Spiel" (Track 9) relativierte das dunkle Zelleninnere noch, während das Albumtitelstück "Es ist soweit" (Track 10) den elektrischen Stuhl anwirft und eine psychedelische Atmosphäre kreiert(e). Hier hörte man erstmals ein klassisches Element bei den Onkelz in Form von Geigenparts. Der Bonustrack "Leiden" (Track 11) hingegen rollt hymnenhaft eine leicht masochistische Thematik aus, die man z. B. mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) bzw. sogenannten Borderlinern verbinden kann, allerdings mit leichtem Hauch eines Zwinkerns, um die Schwere etwas zu relativieren, zumindest empfindet man es so, was den Song selbst umso authentischer macht, zumal Borderliner nicht immer und ständig damit beschäftigt sind sich Narben/Wunden beizufügen, sondern durchaus auch Glücksmomente in der Gemeinschaft erleben.

 

Wir ham' noch lange nicht genug (1.991)

Der bereits erwähnte Verlust von Andreas "Trimmi" Trimborn (R.i.F.) überschattete nicht nur die Wege der Böhsen Onkelz als Band, sondern die privaten Wege gleichermaßen. Nicht nur, dass ab 1.990 viele Alben fortan von der Verlustverarbeitung deutlich geprägt waren, sondern die Authenzität, die direkt mitten aus dem Leben und der täglichen Realität in die Musik und die Texte einfloss, war im Metier deutschsprachiger Musik in jenen Jahren unerreicht, wenngleich man Namen wie Westernhagen, BAP, Grönemeyer, Lindenberg, Hagen oder auch Die Toten Hosen nicht gänzlich außen vor lassen konnte, so waren sie alle keineswegs so direkt und geradeaus wie die Onkelz und genau das spürten die Leute bei jeder gespielten Note. Sänger Kevin Russell war in jenen Jahren bereits auf den Wegen, die durch das Tor der Trauer um seinen Freund Trimmi direkten Weges in Höllentiefen der Drogensucht führte, während die Onkelz es wundersamerweise (aus heutiger Sicht) immer wieder schaffen sollten die Band weiterhin am Leben zu halten, ganz so als wolle man sowohl der Presse als auch dem Schatten des Todes trotzen, der dennoch lang genug war, um den Onkelz immer wieder Freunde und Familienangehörige in immer kürzeren Abständen zu nehmen. 

Ein besonderer Punkt in der Onkelz Historie nimmt vor allem das im Booklet Mittelteil abgedruckte, handgeschriebene Statement der Band ein, das ein- für allemal klarmachte wo die Onkelz stehen. Dass die Medien, wie auch selbsternannte Richter aus der rechten-, wie auch linken Ecke dieses unmisverständliche Statement zu großen Teilen wegignorierten bzw. couchpolitisch eingefärbt, oft anonym kommentierten, zeigte nur wie groß die Angst vor der tatsächlichen Wahrheit war. Hätte man den Onkelz eine faire Chance auf menschliche Veränderung zugestanden und damit das gern gepflegte Bild von der Band, die irgendetwas vorheuchelt, ab- oder sogar aufgegeben, hätte man sich die Mühe machen müssen zu recherchieren, um ein neues Feindbild wirklich gefährlicher Bands zu finden und sich mit dem Problem auseinandersetzen zu müssen, das damals längst landesweit bestand, wie später die Geschehnisse in Rostock, Mölln etc. untermauern sollten. Wegbereiter dessen waren allerdings nicht die Onkelz, sondern die Tatsache, dass man sich landintern noch nicht genug der geschichtlichen Verarbeitung gewidmet hatte bzw. der Tatsache, dass es nach 1.945 immer noch braunes Gedankengut gab, das in Ost wie auch West zirkulierte wie der Gestank über einem Haufen Kuhscheisse. Die Böhsen Onkelz aber waren keine Nazis, sondern allenfalls für kurze Zeit vom Weg abgekommene Skins, die sich aber doch klar von Hitler und dessen geistiger Nachkommen distanzierten, belegt z. B. in der Textzeile "12 dunkle Jahre in deiner Geschichte.." aus der Frühphase der kurzen Skinheadphase, der bekanntlich als Punkband gestarteten Onkelz. Wer sich ein wirkliches Bild machen möchte, dem kann ich nur die offizielle Bandbiografie "Danke für nichts" (von Edmund Hartsch) empfehlen, in der kaum etwas unerwähnt bleibt, sondern sich offen damit auseinandergesetzt wurde.   

Doch nun zum Album selbst. Der Lebelwechsel zu Bellaphon Records markierte ein neues Kapitel in der Bandgeschichte. Hymnenhaft stiegen sie mit "Wir ham' noch lange nicht genug" (Track 1) noch vor dem Uhrzeigerschlag ein, der sich thematisch in Richtung Zenit wandte - "Eine dieser Nächte" (Track 2). Mit "Das ist mein Leben" (Track 3) schaffte es Stephan Weidner einmal mehr Lebensläufe wie sie millionen-, wenn nicht gar billiardenfach weltweit nahrandexistent gelebt wurden. Im Rückblick merkt man deutlich, dass Stephan Weidner philosophischer in seinem ihm ganz eigenen Stil wurde und die Songtexte mit einer Präzision auf die Musik und nicht zuletzt auf Kevins Stimme zuschneiderte, so dass die Onkelz zu einer verlässlichen Adresse zum Festhalten für all' diejenigen avoncierten, denen der Lauf der Dinge ungerecht erschien bzw. die tagein, tagaus ihre Bürde(n) zu tragen hatten. Bestes Beispiel dafür ist "Nur die Besten sterben jung" (Track 4), der Andreas "Trimmi" Trimborn zu Ehren geschrieben worden war, aber Millionen Menschen aus der trauernden Seele sprach und viele, viele Abschiede die letzte Würde verlieh. Ein Onkelz Konzert ohne diesen Song wäre vermutlich undenkbar bzw. unumgänglich für die Band selbst. Wobei mir später einmal auffiel, dass Iron Maiden einst einen zumindest vom Titel identischen Song hatten - "Only The Good Die Young" (*vom 1.988 erschienem "Seventh Son Of A Seventh Son" Album), was aber just Zufall sein mag. Mit "Zieh' mit den Wölfen" (Track 6) folgt ein Lied, das ich selbst mit einem Verlust in jenen Jahren verbinde. Auch dieses Lied war lange Zeit Bestandteil der Onkelz Konzerte und dürfte zukünftig gern wieder dabei sein. ;-) 

Neu war auch die Qualität der Auseinandersetzung mit den nicht gerade wohlgesonnenen, unparteiischen Journalisten und deren arrogant-einseitiger Berichterstattung in Form von "Zeig' mir den Weg" (Track 7).  Was wiederkehrte, war der Schweinenummeranteil in Form von "Das erste Blut" (Track 7), das etwas derber ausfiel. Im kontrastkrassen Gegensatz dazu stand die nachdenkliche Ballade "Wieder mal 'nen Tag verschenkt" (Track 9), die im ersten Moment wirkt als wäre man etwas müde geworden. Ein cleverer Schachzug im direkten Anschluss "Ach, sie suchen Streit" (Track 10) folgen zu lassen. "Ach, sie suchen Streit" zeigte die Band zwar noch immer als "Wilde Jungs", allerdings mit dem Unterschied, dass aus den "Kneipenterroristen" friedfertige Jungs geworden waren, die der Gewalt müde geworden waren und ihre Erfahrungen positiv nutzten, um gegen Gewalt stark zu machen, egal aus welcher (politischen) Ecke diese auch kommen mochte. 

Nach "28" als Erstinstrumentalstück folgte auf "Wir ham' noch lange nicht genug" erstmals wieder ein reines Instrumentalstück namens "3'52" (Track 11), das schlicht nach der Spiellänge benannt wurde. Ich mochte dieses Instrumentalstück von Anfang an, weil es sich zum einen vom restlichen Onkelzsound abhob und zum anderen, weil es klasse zur Einstimmung auf Konzerte oder Disko-/Partyabende in jenen Jahren passte. Überhaupt wirkte das Album ab "3'52" wie eine kleine Bonusabteilung, zumal "Wir sind immer für Euch da" (Track 12),  das ufo-thematische "Wir sind nicht allein" (Track 13), sowie das abgefahren-experimentelle "Lt. Stoned" (Track 14) fast schon EP-tauglich waren. 

 

Live in Vienna (1.992)

Gerade die Liveaufnahmen der Onkelz machten nicht nur doppelten Sinn, im Sinne der großen Nachfrage danach, zumal die Konzerte der Onkelz Anfang der '90er Jahre nahezu an zwei Händen abzählbar waren (wenn überhaupt). Der Charme der Böhsen Onkelz lag stets im Schoße der Authentizität. 

Ich weiß noch sehr genau wie ich für diese eine Doppel-LP (erschien auch als einfache CD) lostrampte und sie mir zwei Tage vor dem Tod eines lieben Freundes holte. Als ich am Morgen des 1.05. 1.992 von seinem Tod erfuhr, nur Stunden nachdem ich mich von ihm verabschiedet hatte und er mit seinem Moped in die Dunkelheit davonfuhr, legte ich wie in Trance "Nur die Besten sterben jung" (Track 14) in der hier vorliegendem Liveversion auf. Still schockiert lag ich an jenem Morgen auf meinem Bett und blickte nach der greifbaren Realität suchend zur Zimmerdecke. Die Ansage von Stephan Weidner zum Lied selbst erreichte mich in jenen Momenten nicht, das Lied aber sehr wohl. Soweit mein kleiner persönlicher Bezug zu diesem Album. Ich weiß es (er-)ging vielen, vielen Fans/Hörern vielleicht ganz ähnlich.

Dieses Livealbum erschien ebenfalls auf VHS/DVD. Im Handel gab es vorab sogar eine ungeschnittene Version, die man heutzuteile teilweise bei YouTube finden kann. Wer dahinter nun aber Makulaturpimperei mutmaßt, irrt. Hier hat ein Schnitt am Ende einfach Sinn gemacht. Vom rauen Charme, der besagten Authentizität blieb noch genug übrig. Ob "10 Jahre" (Track 3), "Signum des Verrats" (Track 5), "Das ist mein Leben" (Track 7), "Nie wieder" (Track 8), Schweinenummern wie "Lack und Leder" (Track 10) und "Stöckel und Strapse (Track 13) oder auch die quasi ewige Fußballhymne "Mexico" (Track 11), das von Kevin mit "nett" und "geistreich" (O-Ton) angesagt wurde. "Live in Vienna" wurde das Live-Dokument einer gereiften Band, die Geschichte schrieb und weiterschreiben sollte. Mit "Ich lieb' mich" (Track 19), einer astreinen Pogonummer aus den Punk-Anfangstagen der Böhsen Onkelz geht dieses Livealbum als Must Have in die Fanannalen ein.

 

Heilige Lieder (1.992)

Was ich im Zuge der bisherigen Reviews noch nicht großartig angemerkt habe, ist, dass es damals recht häufig die Regel war, dass Onkelz Alben oftmals als Kassettenkopie die Runde machten und die Regionen onklifizierte. Man zog sich z. B. das jeweilige Onkelz Album auf Kassette, um es im Walkman (in meinem Falle beim Trampen) oder im Autoradio zu hören. Die CD selbst war als Medium zwar durchaus auf dem Vormarsch, aber eben noch nicht in jedem Haushalt relevante Realität. Man hatte oftmals auch eher Platten (Vinyls), die den Vorteil eines wärmeren Klangbildes, sowie des wesentlich größeren Artworks hatten. 

Wie ich bereits angedeutet habe, wurden Stephan Weidner als songtextlicher Federführer der Onkelz philosophischer und ließ sich von grossen Geistern inspirieren, was gerade beim bahnbrechendem "Heilige Lieder" Album dank der Bücher "Die Lehren" des Don Juan" und "Ein Yaqui-Weg des Wissens" des amerikanischen Anthropologen Carlos Castaneda (*1.925-1.998) zeitlose Geistesblüten zur Vollblüte brachte. Aber auch "Pilz-Experimente" spielten dabei eine Rolle, was Stephan Weidner von der Herangehensweise gar nicht einmal unweit eines Jim Morrison wandeln ließ. 

Von dem (den) Bandfoto(s) aus dieser Zeit her wirkte die Band (zumindest auf der Albumrückseite) etwas statisch, nebst des doch herausstechenden Taints vom mittlerweile schwer drogensüchtigen Kevin Russell, der stimmlich paradoxerweise eine Meisterleistung in Sachen textlicher Umsetzung hinlegte, was für den Erfolg von "Heilige Lieder" inmitten der Arrangements von immenser Bedeutung ist. Natürlich darf man das Songwriting Gespann Röhr/Weidner/Schorowsky hier keineswegs im Nebensatz behandeln, aber faktisch werden einem die grossartigen Arrangements erst beim analytischen Hinhören bewusster. Das Album sollte erstmals die Charts entern.

Die "süßesten Noten jenseits des Himmels" kamen nach dem Intro "Oratorium" (Track 1) zunächst mit Humor eröffnend daher - "Heilige Lieder" (Track 2). Ein Humor, der seit "So sind wir" ebenfalls gereift war und etwas mehr bier-un-ernster aus der Sonne heraus zu zwinkern begann, was den Einstieg dementsprechend flüssig gestaltet(e). Die Bandhymnen als Opnener auf hohem Niveau zu "verbraten"/rauszuhauen, sollte eine Onkelztradition bleiben, auch hier. Das Lesen schien nun zu Stephan Weidners weiterer Entwicklung zu gehören, einer Entwicklung fern des Schulrabaukenimages von einst und genau dort, wo von nun an ein gereifter Mann standfesten Geist bewies und laut im "Buch der Erinnerung" (Track 3) blätterte. Eines der reifsten Lieder jedoch hörte auf den Titel "Nenn' mich wie du willst" (Track 4). Eine Art temporäre Gelassenheit gegenüber dem, was man den Böhsen Onkelz seitens der Medien/Presse noch immer vorwarf. Unzählige Male hatte man sich der Presse gestellt und versucht das Bild so darzustellen/offenzulegen wie es sich tatsächlich verhalten hatte bzw. verhielt, doch es schien mediengerecht aussichtslos zu sein, zumindest Anfang der '90er Jahre, zumal die Medien Antworten auf Fragen suchten, die man direkt vor Ort hätte stellen können oder sogar müssen, wo es zu fremdenfeindlichen Übergriffen gekommen war.

Hielten sich die Onkelz Fans an den Liedern fest wie an einer Ersatzreligion und hungerten gleichzeitig nach mehr Nähe zur Band selbst, gaben ihnen die Onkelz bereitwillig Nahrung mit Liedern wie "Ich bin in dir" (Track 5) oder auch "Diese Lieder..." (Track 7), um zwischendrin noch einmal ihrer Wut bezgl. des scheinbar bewusst schlecht gazetten-gemalten Bildes Ausdruck zu verleihen - "Scheißegal" (Track 6), wobei es vor allem Gonzos Spiel, Pe's simple Spielweise und Kevins wütendes Keifen sind, die hier wie Geschosse herniedersägen. Von der Produktion und der Homogenität im Gesamtfluss ist "Heilige Lieder" das Album, das die Onkelz in einer bemerkenswerten Qualität ankommen ließ, wovon andere Bands im Staub dessen nur träumen konnten und vom Neid zerfressen teilweise öffentlich gegen die Onkelz wetterten, manchmal sogar ungefragt. Man kann quasi sagen, dass die Böhsen Onkelz ein Beispiel für einen (leider anhaltenden) Shitstorm wurden, lange bevor es Facebook & Co gab.

Zwar rauschte auch schon mal ein Song wie "Gestern war heute noch morgen" (Track 8) wie die Star Trek Crew an so manchem Planeten vorbei, aber es wurde deutlicher, dass die musikalischen Ideen, die Kreativität der Onkelz nicht so schnell in einer Sackgasse enden würden. Selbst slowdown Stücke wie "Schließe deine Augen (und sag mir was du siehst)" (Track 9), das mit einer teils herzschlag-ähnlichen, druckvollen Akzentuierung durch Pe eine Art hallender Säulenatmosphäre erschafft, während es atmosphärisch eher wie kurz nach dem Sonnenuntergang zugeht, wusste den Funken überspringen zu lassen. Moses Pelham sollte später aus genau diesem Song die Zeile "...ein guter Tag zum Sterben." sampeln und im Rödelheim Hartreim Projekt Song "Guter Tag" unterbringen. (*erschien auf dem Album"Direkt aus Rödelheim", 1.994)

Zu "Gehasst, verdammt, vergöttert" (Track 10) braucht man sicher kaum noch etwas sagen, zumal dieses Lied seither so ziemlich konstant in der Setlist auf den Onkelz Konzerten steht und zur Kulthymne in Fankreisen zählt. Ähnlich wie "Ein langer Weg" (Track 11). Die Schweinenummern wurden auf "Heilige Lieder" passend thematisch hinter die Klostermauern verlagert - "Noreia" (Track 12). 

Anders als beim Vorgängeralbum integrierten sich die Lieder in Richtung Albumende deutlich flüssiger ins Albumkonzept, trotz der unterschiedlichen Themeninhalte. Während "Schrei nach Freiheit" (Track 13) von der im Titel unbeschwerten Freiheit träumt, lüftet "Angst ist nur ein Gefühl" (Track 14) das schlimmste-, aber leider auch effektivste Machtkonstrukt/-instrument mit wahren Erkenntnis(sen). 

Der Albumschließer "Wir schreiben Geschichte" {Bonus} (Track 15) machte dieses Album erst komplett und hätte sich sowohl auf der "A.D.I.O.Z." Tour, dem Lausitzring Kapitelabschlusskonzert, sowie auf den Hockenheimring Konzerten geradezu angeboten. Leider blieb dieser Song bisher meines Wissens nach aber in der (Liveset-)Schublade, was extrem schade ist.

 

Weiß (1.993)

Dieses Doppelalbum markiert und unterstreicht den massiven Kreativitätsfluss/Ideenreichtum, mit dem das Songwriting Trio Röhr/Weidner/Schrowsky gesegnet war bzw. sind auf beeindruckende Weise - auch heutzutage im Rückblick noch. Man könnte hier vom Zenit der Kreativität im Hause der Onkelz sprechen, zumindest was die '90er Jahre angeht. Jedes Jahr in den '90ern schien eine neue Ebene/Treppe nach Oben zu sein, die man noch im Normalzeittempo empfand und mitwachsen konnte. Klar, auch damals waren die Zeiten schon schnelllebig, aber die Welt bestand noch nicht aus Handy, Internet etc., ob das eine "normalere", gesündere Zeit war, mag man bezweifeln können, aber sie fühlte sich zumindest noch erträglicher an, trotz eigener privater Kellerräume, in denen man sein eigenes kleines Verarbeitsungsverlies in sich trug bzw. sich darin befand und  man davor zu fliehen begann. 

Vor allem der im Booklet abgedruckte Text aus "Wendekreis des Krebses" aus der Feder des US-amerikanischen Schriftstellers Henry Miller (*1.891-1.980) begeisterte Fans wie auch die Macher des Albums gleichermaßen, eine weitere gemeinsame Ebene also. Der Text selbst wurde übrigens auch vertont und bei einem B.O.S.C. Video-, sowie auf der Onkelz Tour 1.994 als Intro benutzt, was eine unbeschreibliche Gänsehaut einjagte, bevor "Lieber stehend sterben" (Track 1) Album (wie auch die Konzerte der '94er Onkelz Tour) einleitete. Auf dem Album hört man vorab noch eine Kinderstimme den Bandnamen sagen. 

Kevins Drogenabhängigkeit zog sich wie die Pest durch die '90er Jahre und weiter. Erst im Nachhinein meint man hier und da manchmal etwas Kraftlosigkeit in seiner Stimme wahrzunehmen, dennoch war da etwas in Kevin, das selbst im dunkelsten Raum noch diese wilde, ungezähmte Kraft durchkommen ließ, die ihn vermutlich auch im Leben hielt. Zum ersten Mal wurde ein Album mit einer nicht so offenkundigen Bandyhymne eingeleitet, sondern mit einem Mutmacher, der zum Durchhalten motivierte. 

Thematisch, musikalisch und klangbildtechnisch hörten sich die Onkelz nach wie vor nach sich selbst an, ohne(!) sich stilistisch festzufahren. "Entfache dieses Feuer" (Track 2) ist ein erstes, gutes Beispiel dafür. Gonzos Gitarrenakzentuierung in Form der loopartigen Spitze, Pe's kräftigerer Punch, genauso wie Stephans Weidners Backing Vocals nebst seines Bassspiels. Klang Kevin noch etwas "verhalten" bei "Entfache dieses Feuer", so tönt er bei "Wunder der Persönlichkeit" (Track 3) umso tiefgehender/intensiver. Nicht nur, dass "Wunder der Persönlichkeit" hervorragend zum Text von Henry Miller passte, sondern auch die im Nachhinein im Raum stehende Möglichkeit, dass das Lied auch als Warnung interpretiert werden könnte nicht den selben Weg wie Kevin zu beschreiten. Aber vermutlich ist das just ein unbewusster Nebeneffekt der meisterlichen Lyrikwerke aus der Weidner'schen Feder. "Wunder der Persönlichkeit" wurde zum zeitlosen Onkelz Song, der für mein Verständnis perfekt die Bodenständigkeit der Onkelz dokumentiert(e) und gerade heutzutage eine fast schon paradoxe Aktualität in sich trägt, da wir in Gezeiten aus Retro-Ebbe-Flut-Wechselspülungen leben. 

Schon krass wie früh die Onkelz diese Wunderkerze entfachten. (zumindest später beim Hören) Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich in einem Cafè saß, mit beiden CDs in der Hand und erst einmal für einige Zeit nur die Songtexte hatte und mir vorzustellen versuchte wie wohl die dazugehörige Musik klingen würde? Bei den Onkelz war zwar immer Onkelz drin, aber das auch immer auf eine nicht erahnbare Weise. 

Wer beim Hören bis dahin die härtere Federung ala "Es ist soweit" vermisste, wurde dank des Presse Abschellers "Fahrt zur Hölle" (Track 4) regelgerecht weggeblasen. Föhnwelle pur! Vom Drive und Backengroove her haben hier alle Onkelz zu gleichen Anteilen ordentlich auf's Gas getreten und rein musikalisch einen hervorragenden "Paradies" Nachfolger kreiert, ohne sich selbst zu kopieren. Da schrammte das kontrastreiche "Alles F.a.M." (Track 5), das zunächst beim Titellesen "Frankfurt am Main" suggerierte, sich dann aber in ganz anderer Richtung entpuppte. "Alles F.a.M." ist zugegeben einer der wenigen Onkelz Songs, die man nicht unbedingt stundenlang in Dauerschleife hören kann. Dann doch eher das fröhliche "Willkommen" (Track 6), das die Liste der Bandhymnen einmal mehr bereicherte. 

In Sachen Balladen stellte "Für immer" (Track 7) Neuland dar. Hier besang man das nachdenkliche Scheitern einer intensiven Liebesbeziehung auf eine Weise, die bis dato so von den Onkelz noch nicht zu hören war. Eine Liebesballade ohne in Schnulzenklang zu verfallen. Jedes Wort war bitterer Tränenernst und reicherte das nächtliche Dunkel mit Gedankenschwere an. Kevins Stimme meldete sich voller (Mit-)Gefühl aus seinem tiefsten Innern und gab dem Akustikrahmen erst den Tiefgang. 

Da man seitens der Medien/Presse nach wie vor Anschuldigungen in Sachen (Mit-)Verantwortung für diverse Vorfälle einiger geistig minderbemittelter Idioten an den Onkelz abmachte bzw. ihnen etwas unterschieben versuchte, schoben sie in Form von "Deutschland im Herbst" (Track 8) kurzerhand den Riegel vor und schickten diese verbale Keule in Richtung des braunen Mobs. Die Aggressivität mit der sie die Noten über die Saiten, Felle und Stimmbänder schickten, konnten allenfalls Bands wie OHL oder Slime auf ähnlicher Ebene zocken, nicht aber Bands wie Die Toten Hosen oder Die Ärzte, die beide in jenen Jahren an Bissigkeit vermissen ließen, zumindest musikalisch. Deutschland diskutierte und schien das Problem zu zerreden, was selbst Slime (an-)erkannten - "Ich geh' nicht mehr zu Diskussionen, dies "Laber-drum-herum", moralgetränkt und abgestanden und keiner weiß, wohin und warum.." (*aus "Ich war dabei"). Doch genug dem Exkurs. Dieses Beispiel will auch meinen, dass selbst in der Musiklandschaft Anfang der '90er Jahre die große Suche nach heißem Scheiß losging, den die Onkelz mal eben locker aus der Hüfte zockten. Bands wie Nirvana, Sepultura, Metallica waren in aller Munde. Und hierzulande eben auch die Onkelz. 

Mit "Es" (Track 9) gab es thematischen "Heilige Lieder" Nachschub quasi. Wer hier eine Hommage an den Stephen King'schen Horrorclown vermutete, musste schnell merken, dass hier von dem gesprochen wurde, der unter gefühlten tausend Namen weltweit bekannt war. Dieses Spiritualwesen, das die Indianer z. B. "Wakan Tanka" (das große Geheimnis) nennen. Zwar ist "Es" eher musikalisch einfach strukturiert, aber genau darin besteht der Reiz dieses Stückes. Der leichte Stimmeffekt auf Kevins Gesang ließ die Experimentierfreude der Onkelz offensichtlicher werden. Der thematische Cut zwischen "Es" und dem humorvollen Casablancazwinkerer "Sie hat 'nen Motor" (Track 10) fiel dank des Klangbildes kaum ins Gewicht und bescherte als Nebeneffekt auch Rotationsplay in den diversen Bikerclubs. 

Bei solch' hohem Ideendrive durfte es auch wieder rein instrumental werden. Gonzo schickte mit "Tribute To Stevie" (Track 11) seine Art Nachruf/Ehrerbietung an den 1.990 verstorbenen Ausnahmegitarristen Stephan "Stevie" Ray Vaughan (R.I.P.). Eine Art früher Wink, dass die Onkelz musikalisch globale Einflüsse pflegten. Vielleicht war/ist genau das ein großer Teil des Onkelz Sounds(?), für den es allerdings keine Formel gibt. 

Der zeitlose Antikriegssong "Schöne neue Welt" (Track 12) -ebenfalls seltener Live in der Setlist- hat dank des klasse Arrangements noch immer Relevanz und hätte im Radioairplay mit großer Sicherheit damals schon mehr Menschen bewegt und nachdenken lassen, wenn da in jenen Tagen nicht diverse Musikhandelsketten, sowie Radiosender immer noch am Boykott der Böhsen Onkelz Alben festgehalten hätten. Die Onkelz boten echte Chancen, aber typisch Deutschland, nahm man diese nicht an, sondern schlug sie arrogant aus.

 

 Schwarz (1.993)

Genauso wie das "weiße" Album, bot auch das "schwarze" einen Prägedruck mit Blindenschrift + Gebärdensprache des Bandnamens. Ein kleiner Geniestreich mit großem Effekt, der zweierlei bewirkte. Zum einen war diese realisierte Idee ein Bonus für Fans mit Handicap und zum anderen konnte man das Coverartwork in den Kontext mit den Zeilen "Für die Blinden und die Tauben..." aus "Fahrt zur Hölle" stellen. Somit war das "schwarze" Album also gewiss kein Ideenklau bei Metallica, wie manche es damals mutmaßten. 

Ähnlich wie das "weiße" Album eröffnete auch das "schwarze" Album-Pendant eine nicht zu offensichtliche Anspielung auf den Onkelz-typischen Sound - "Erkennen Sie die Melodie" (Track 1). Der Tradition der Schweinenummern folgend holten die Onkelz dieses Mal die Flügel raus und kamen tatsächlich mit einem Hauch charmanter Dirty-Romantik um's Eck - "Wenn wir einmal Engel sind" (Track 2), doch dem Flug in himmlischen Höhen folgt, gemäß des Treppenprinzips aus "Das ist mein Leben", auch die Tiefe - "So geht's dir (deine Hölle)" (Track 3), bei dem die Onkelz die Geschehnisse rund um Trimmis Tod aufarbeiteten. War Kevin Russell in jenen Tagen auch drauf und drunter im Zuge der Suchtachterbahnfahrten, so waren die hier festgehaltenen Emotionen glasklare, cleane Momente aus seinem innersten Herzenskern, die nach außen drangen. Unverfälscht, lebensecht und mindestens so schwarz wie die Albumhülle. Nicht nur daran, dass die Band Trimmi thematisch einen ganzen Block an Liedern auf diesem Album widmete, zeigt welchen Stellenwert er hatte, sondern auch wie tief bewegt die Onkelz in jenen Tagen gewesen sein müssen. Kevin hauchte "Der Himmel kann warten" (Track 4) regelrecht dahin, so als würde es ihm eher eine Bürde-, aber gleichzeitig auch ein Bedürfnis sein, das er sich nur ganz, ganz tief im Innern am Leben erhalten konnte, so als sei es sein kleines Tagebuchgeheimnis. Verglichen mit den Kevin R. Russell, der genau diesen Song später bei den Hockenheim Konzerten sang, liegen Welten bzw. LEBENDIGERE Welten! In Hockenheim sang Kevin dieses Lied eher mit gänsehautrufender Demut, jedenfalls empfand ich das beim Sehen/Hören der Aufnahmen so.

Da passte der nach außen gedrehte Spiegel von "Ich bin wie ich bin" (Track 5) nahezu pefekt in den Lauf, zumal das Lied damals wie heute ein echtes Bekenntnis ist einfach nur Mensch zu sein, mit allen Fehlern und Marotten. Ungeschönt und geradeheraus. Das passte nicht nur auf jeden der Onkelz, sondern auf tausende Fans gleichermaßen. Die coole Ruhe des Stückes und der sich nach obenschraubende Drive, der im melodiösen Bekenntnis eines Schulterklopfens sein zu Hause findet und für kommende Wege lockermachte. 

So gar nicht locker tönt das sehr persönliche "Das Messer und die Wunde" (Track 6), bei dem es thematisch ebenfalls um Trimmi geht. Die Dramatik, die hier musikalisch rockend erschaffen wurde einmal mehr ein Manifest dessen, wie wortgewandt Stephan Weidner seine Texte der Musik anzupassen imstande ist, vor allem, wenn echte Emotionen Teil des Ganzen sind. 

Einen der philosophischsten Songs ever in der bisherigen Onkelz Historie erschuf man mit "1000 Fragen" (Track 7), bei dem man das menschliche Dasein beim Hören fast schon als begreifbar flügelleicht erfassen kann und merkt wie klein man dem großen Leben und all' seinen Dimensionen gegenübersteht. Gerade der Refrainteil von "1000 Fragen" bleibt zeitlos auf hervorstechend-epischem Niveau und entfesselte auch Live stets die volle Wirkung. Es ist vor allem der Leichtigkeit, der Unbeschwertheit (trotz aller Tiefgedanken) zu verdanken, dass die Onkelz anno 1.993 auch dieses Doppelalbum in die Charts führte und den Zulauf an neuen Fans regelrecht logisch machte, auch ohne Support von Presse (abgesehen von diversen Metal Mags), Radio und diverser Musikmärkte. Da passte das teilhumoristische "Ich bin Du" (Track 8) im Blues Rock Gewand bestens zur Zigarrette zwischendurch. 

Erstmals wagten die Onkelz sich angewidert von den innerpolitischen Irrläufe(r)n in Richtung der ehemaligen DDR/Osten und stampften mal eben mit "Worte der Freiheit" (Track 9) einen weiteren Ohrwurm aus dem Nichts. Vor allem der einigängige Refrainteil wurde als clevere Garnierung eingestrickt und wurde ein weiterer Beleg für das feine Gespür des Komponisten-/Songwritung Duos Röhr/Weidner/Schorowsky. Auch die kleine Gitarensoloparts, die den Charme einer Blues Jam Session innehaben, zauberten dem Stück eine Magie zu, dass man des Liedes kaum müde wird. Fast unterschwellig setzt sich die Philosophie fort, die bei "1000 Fragen" Höhepunkte erreichte und gipfelte im rockig-flüssigen "Rätsel des Lebens" (Track 10), bei dem auch Stephan Weidner Gesangsanteile hat. Diese epischen Ausflüge standen den Onkelz außerordentlich gut zu Gehör, zumal sie mit dem instru-mentalen "Baja" (Track 11) eines der schönste Instrumentalstücke der '90er Jahre erschaffen haben. 

 

Gehasst, verdammt, vergöttert … die letzten Jahre (1.994)

Von Best Of Doppel-CD-Compilations kann man halten was man möchte, ich für meinen Teil finde solche Zusammenstellungen sowohl aus der Sicht des Musikers, wie auch aus der des Fans sinnvoll, solange sie mit Liebe und Detailreichtum (z. B. in den Artworks) nicht nur das schnelle Geld suchen. 

Allein schon das auf den ersten Blick ominöse Coverartwork macht erst mit 3D Brille Sinn, was damals von der Idee her (zumindest für mich) völlig neu war, aber vielleicht lebte ich damals einige Ecken zu weit hinter dem Mond? 

Es waren vor allem die Neuaufnahmen von Liedern wie "Mexico" (Track 5) "Ich lieb' mich" (Track 12), sowie der funny Fan-gewidmete Song "Die Böhsen Onkelz geben sich die Ehre" (Track 17), die das Fanherz nicht nur über die Veröffentlichungspause hinwegtröstete, sondern die Herzen auch höherschlagen ließ, wie die Wellen, wenn sie vor die Brandung laufen. 

Die zweite CD dieser Best Of enthielt vier abgefahrene Remixe, die der Experimentierfreude Freudentränen in die Augen getrieben haben dürften. Trip Pop Blues bei "Worte der Freiheit (Remix 1994)" (Track 1), Crossover Remix Drive bei "Nenn' Mich Wie Du Willst (Remix 1994)" (Track 3), cooler Hip Hop Beat Pop Remix bei "Entfache dieses Feuer (Remix 1994)" und schließlich Metaldrive beim finalen "Das ist mein Leben (Remix 1994)" - das Endresultat: Platz 47 in den Charts und das mit einer "Best Of"(!) - gar nicht so schlecht für eine Band, die ohne den Support der Medien und Radiosender auskam...

 

Hier sind die Onkelz (1.995)

Es dauerte nicht nur gefühlt längere Zeit bis Mitte der '90er als endlich wieder ein "Lebenszeichen" der Onkelz erschien, trotz der Best Of vom Vorjahr. Der erneute Labelwechsel zu Virgin Group sorgte damals für etwas Furore, zumal die Onkelz noch lange nicht als gleichberechtigte Musiker im Business anerkannt worden waren bzw. wenn, dann allenfalls hinter vorgehaltener Hand oder im Falle von diversen "V.I.P.s" eben eher im stillen Kämmerlein die Onkelz Alben liefen. Ein seltsamer Teil der Bandgeschichte, der sich über Jahrzehnte erstreckte. Seltsam zumindest aus heutiger Sicht. 

Soundmäßig ging man zurück nach Frankfurt, wo man auch produzierte (übrigens produzierte Stephan Weidner seit einiger Zeit die Onkel Alben) und aufnahm. Das brachte einen schönen, wilden Sound, der ernüchtert/geerdet klang, aber wieder mehr Dreck mitbrachte, wie am Morgen nach einer durchzechten Nacht. Im Fokus des Albums stand die kurzzeitige Cleanphase von Sänger Kevin Russell. Doch der Reihe nach. Mit "Hier sind die Onkelz" (Track 1) kehrte man wieder zur Bandhymnenopenertradition zurück, was in diesem Falle keineswegs schadete. Allein der Basslauf zu Beginn des Albumtitelstückes sollte noch manches Konzert eröffnen und die Stimmung katapultartig entfesseln. Trotz des rüden Sounds, dem wieder mehr Punkspirit (mit etwas Hard Rock/Metal im Unterholz) innelag, klangen die Onkelz seinerzeit lebendiger denn je. Zwar stand der Themencocktail dem der Vorgängeralben in nichts nach, schaffte es aber sich erneut zeitgemäß frisch zu präsentieren - "Finde die Wahrheit" (Track 2). Es könnte übrigens "Finde die Wahrheit" gewesen sein, das die "Ohohoho" Gesangsparts in der Phase bei sämtlichen deutschsprachig rockenden Bands in Mode kamen? Zumindest fällt mir (abgesehen von den Ramones vielleicht) kaum eine Band ein, die diese Art melodischer Parts in ihren Sound integrierten. Das Gute daran war allerdings, dass die Onkelz diesen einen Part nicht bis zum Erbrechen ausreizten und ihn diesem einen Stück als Melodiebrücke beließen/nutzten. 

Mit "Danke für nichts" (Track 3) gab es auch wieder ordentlich Suppenkellennachschlag von Schlagzeug und Gitarren in Vollendungsverschmelzung mit den Keifattacken von Kevin, dessen fies-dreckige Lache wie die Auferstehung der Pistols-beeinflussten Frühphase der Band klang. Das okaye "Ich" (Track 4) in folge ging in Ordnung, während das fast schon zart gesungene, semiballadeske "Nichts ist für immer da" (Track 5) erneut weichere, emotionale Seiten der Band zeigte. Letztlich waren es aber noch immer die rauen, ungehobelten Blüten, die den Charme der Onkelz noch immer unvergleichlich machte - "Wer nichts wagt, kann nichts verlieren" (Track 6). Allein der Effektloop von Gonzos Gitarre und der kraftvolle Spiegel, den Kevin mittels seiner Stimmbänder transportiert, machte dieses Lied zum unausweichlichen Gassenhauer. Selbst die höhere Stimmlage von Kevin, im Vorfeld derer er es damals (sofern ich mich richtig entsinne?) erstmals mit Gesangsstunden versuchte, bei "Ich mache was ich will" (Track 7) ließ Neuland beim Hören spüren. Das letze Mal als man Kevin in ähnlich hoher Stimmlage hörte, war bei "Schöner Tag" auf dem "Onkelz wie wir..." Album. 

Zwar schien "Du kannst alles haben" (Track 8) ordentlich die Sonne aus dem Arsch, punktete aber vom Song her (zumindest bei mir) nicht so sehr. Der Songtext wurde im Booklet comicartig umgesetzt. Überhaupt war die Bookletgrafik bei "Hier sind die Onkelz" im Innenteil teilweise etwas unglücklich (für meinen subjektiven Geschmack). Dafür war allerdings das Coverartwork, sowie die CD Rückseite sehr ansprechend. Was die Onkelz mit "Viel zu jung" (Track 9) musikalisch semi-akustisch und leicht verdaulich umsetzten, barg eine umso schwerer zu verdauende Thematik, die nicht nur hierzulande (auch heute noch) perverse Realität ist. Dieses Lied hätte es auch heute verdient gespielt zu werden, zumal die Aktualität der Thematik sich kaum minimiert hat. 

Lebensrückschau auf Kindertage, die im Kontext mit dem Coverartwork asoziiert stimmig wirkt, gibt es bei "Das Problem bist du" (Track 10), bei dem die offene Selbstkritik ohne den Oberlehrer zu geben, etwas mitgibt, das man positiv für sich nutzen kann. Mit vollem Pogozünder "Laßt es uns tun" (Track 11) und der Gänsehautnummer "H" (Track 12), die weiterhin genau genommen nur temporär so von Kevin gelebt wurde, der "Fensterplatz im Himmel" lockte vorerst noch immer zu stark. 

 

E.I.N.S. (1.996)

Was das Artwork bzw. das Booklet angeht, so hat "E.I.N.S." wieder komplette Qualität aufgefahren. Der einfache-, aber modern-kreative s/w Stil der Artworks ergänzte die Songs und das künstlerische Coverartwork, das aus den Köpfen der Onkelz zusammengesetzt wurde, in stimmiger Weise. Man produzierte das Album wieder in Frankfurt/a.M. und fand erneut einen neuen Sound. Ich für meine Empfindung würde das Album als Gitarrenbrett bezeichnen, zumal die Gitarre das Album über weitere Strecken führt, abgesehen von der prägnant-eigenen Stimme Kevins. Dennoch muss man dazu sagen, dass dieses Album (so wie alle!) nur so gut ist wie seine Musiker allesamt! Ähnlich einem Fußballteam. 

Mit "Danket dem Herrn" (Track 1) wird der Bandyhymnenteil auf der To Do Liste abgehakt und spielt ein wenig auf das "Heilige Lieder" Konzept an. Die '90er Jahre nahmen mittlerweile finale Vorkonturen an, die minimal-, aber doch (ungewolltes Wortspiel!) "merk(e)lich" immer seltsamere Züge in Sachen Rahmenbedingungen annahmen, was die Onkelz mit dem Steilpass "Nichts ist so hart wie das Leben" (Track 2) formvollendeten. Wieder einmal schafften die Onkelz es die Dinge auf den Punkt zu bringen und zwischen Feststellung(en) auch offen konstruktive Fragen an den Hörer zu stellen. Die Art der Kommunikation mit dem Hörer war/ist ein besonderer Teil der Magie, die keine Wahl lässt (und das von Anfang an) - entweder man mag die Onkelz vom Fleck weg oder aber man hasst sie. Zumindest ist das genau das, was in all' den Jahren einheitlich von vielen unabhängig voneinander gesagt wird. Mit "Wie tief willst du noch sinken" (Track 3) habe ich meine ganz eigenen Assoziationen/Erinnerungen, die mich immer wieder an einen Freund denken lassen, der mich wie kein zweiter an dieses Album bindet. Eine Textzeile aus "Wie tief willst du noch sinken" schrieb ich ihm in der Nacht vor seinem Tod auf seine Geburtstagskarte, hoffend diese Zeile hielte ihn davon ab sich das Leben zu nehmen. Auch heute noch fällt es mir nicht gerade leicht diesen Song zu hören... und doch tue ich das manchmal, wenn er in Gedanken wieder hier ist.

Ganz anderer Natur erhob sich "Ihr sollt den Tag nicht vor dem Abend loben" (Track 4). Dieser Song polarisierte nicht nur, sondern spaltete die Fanlager der Toten Hosen und der Ärzte bis Ende der erste 2.000er Dekade mindestens nahezu komplett vom Lager der Onkelz Fans ab. Sowohl Die Toten Hosen, wie auch Die Ärzte hatten sich nicht gerade mit öffentlichen Ruhm bekleckert, wenn sie mittels diverser Interviews verbal gegen die Onkelz schossen. Bei zuletzt genannten beschränkten sich die Verbaldissen nicht nur auf eine Textzeile aus "Schrei nach Liebe" (*erschien 1.993), sondern setzte sich in diversen Interviews (teils ungefragt) fort. Stephan Weidner relativierte das Lied später und verzieh' den Toten Hosen, nachdem er sich mit Campino ausgesprochen hatte. Musikalisch zogen die Onkelz einmal mehr schnittig-schmissige Register mit leichtem Metal Einfluss.

Nach dem Sturm folgte die wohltuende Ruhe von "Zu nah an der Wahreit" (Track 5), das ähnlich liebevoll wie "Ich bin in dir" tönte und sogar Pianoklänge verlauten ließ, was ein wenig an "Erinnerungen" erinnerte. Und wenn die Onkelz schon einmal bei der Wahrheit waren, konnten sie den neuen Pfeil in Richtung der Medienlandschaft in Form von "Meister der Lügen" (Track 6) nicht im Köcher lassen. Ich für meinen Teil finde "Meister der Lügen" brillant in seinem Lauf und leider musikalisch ein wenig verkannt von den Fans. Ein Wunder für sich ist allerdings woher Stephan Weidner immer wieder die Worte nahm?! Vermutlich muss man erst den besagten jahrelangen Shitstorm erlebt haben, um das Nichtmüdewerden zu verstehen, bzw. konnte man es ja immer wieder in diversen Gazetten/TV und einseitigen Berichterstattungen sehen, warum solche Lieder an der Tagesordung waren.

Nicht neu, aber doch wieder stärker im Fokus seit "Nennt mich Gott", tauchte mit "Kirche" die Auseinandersetzung mit dem "bezahlten" Glauben auf. Natürlich setzten sich die Onkelz damit quasi selbst der Betitelung "Antichristen" seitens der kirchlichen Obrigkeit aus, legten aber damit auch die Denkweise/das Konstrukt der Kirche(n) offen. Rein musikalisch hatte es "Kirche" doch echt innovativ in sich, während "Flammen" (Track 8) wieder punkig die Akkorde vor sich herjagte, um mit "Koma - eine Nacht, die niemals endet" (Track 9) eine überirdische Spiritual-Reise durch andere Dimensionen umriss, wie sie Kevin nicht nur einmal erlebte. Es gibt nur wenige(!) Sänger auf diesem Planeten, die solch' eine Intensität mitbringen, wenn sie eine solche Reise stimmlich umsetzen, Kevin Russell mochte in jenen Tagen sicher kein Opernsänger gewesen sein, aber ein verdammt authentischer, bei dem einem Schauerwellen über den Rücken jagten. "Koma" sollte später im nächsten Jahrtausend (was ja nicht gelogen ist) auch Moses Pelham erneut inspirieren, indem er erneut eine Passage sampelte. (*im Song "Für die Ewigkeit"; veröffentlicht 2.012)

Mittlerweile war die Hitdichte der Onkelz mit jedem Album weiter gestiegen, auf "E.I.N.S." taugte mindestens jeder zweite Song zum Evergreen, es gab es aber auch Songs, die mit jedem Hören mehr zum Hit wurden. Ein Paradebeispiel ist "Auf gute Freunde" (Track 10), der mit dem späteren "Live in Dortmund" Album umso beliebter wurde. Ich für meinen Teil war direkt bei "E.I.N.S." schon Feuer und Flamme für diesen Song und coverte ihn 1.997 mit meiner alten Band, allerdings im Schnellverfahren von nur zweimal bei der Probe gespielt und dann direkt live gespielt. Damals gab es noch kein Meer von Onkelz Coverbands, allenfalls wurden mal Songs wie "Nur die Besten sterben jung" von professionellen Coverbands adoptiert, mehr aber nicht. Doch das just als Randnotiz aus meiner (immer noch subjektiven) Sichtweise. 

Einer der stärksten, experimentellen Songs der Onkelz Timeline ist das erdende "Regen" (Track 11) bei dem Stephan Weidner den Hauptgesang übernahm und sich erstaunlich gut schlug. Mit 8:41 Minuten dürfte dieses Lied das bislang zweitlängste in der gut 36 jährigen Bandgeschichte sein. 

Am Schlußlicht dieses Albums pappte ein weiterer unterbewerteter Song: "Zeit zu gehn" (Track 12), der auf der "Viva Los Tioz" Tour z. B. in der Live-Setlist war. Zurecht. Mit "Enie Tfahcstob rüf Ediona-rap" (Track 13) gingen die Onkelz semi-ernst und zwinkernd ins Finale. Diesen Ball versenkte man fachgerecht.

 

Live in Dortmund (1.997)

Diesem Live-Doppelalbum ging Edmund Hatsch' Buch und offizielle Bandbiografie "Danke für nichts" voraus, die schonungslos offen die Fakten auf die heimischen Tische wuchtete. Das Bild der mythenumrankten Band aus Frankfurt/a.M. klarte auf und zeigte einen Blick hinter den "Gehasst, verdammt, vergöttert" Status bzw. erklärte selbstredend warum diese drei Schlagwörter so wortgenau zu den Böhsen Onkelz pass(t)en. Je nach Sichtweise konnte der Informationshungrige hier die volle Ladung Wahrheit bekommen. Am Ende steht dieses unumgängliche Buch als Meilenstein in der Timeline der Onkelz ein und steht in Tuchfühlung mit diesem Livedokument.

"Live in Dortmund" toppte nicht nur "Live in Vienna" um Äonenweiten, sondern bot auch einen feinabgeschmeckten Querschnitt durch die Bandgeschichte, wobei man den Fokus eher auf die '90er Jahre legte, was qualitativ Sinn machte. Dieses Doppelalbum zeigte Dortmund im Zenit seiner Fähigkeit eine Art Fußballstadionstimmung hörbar werden zu lassen, die die Onkelz selbst zu Höchstleistungen antrieb. Dieses Livedokument zeigt deutlich, dass es bei einem Konzert nicht auf die Größe, sondern auf das Publikum selbst ankommt. Man muss ehrlicherweise zugegeben, dass wohl kaum ein Liveevent der Onkelz (zumindest bis heute; *Stand August 2.016) je wieder an diese Wahnsinnsstimmung herankam, wenngleich der Erlebnisfaktor auf den Onkelz Konzerten eine sichere Bank ist?! 

Allein mit dem Intro, das die Stimmung, die ohnehin schon vollends gewillt war über den Siedepunkt hinauszugehen, noch weiter anfachte. Simpel wie auch effektiv vollzog sich unter dem "Auge des Gonz" ein weiteres Onkelz Kapitel, das in das Buch der Bandgeschichte geschrieben wurde. Mit 27 Liedern auf Z.W.E.I. CDs verteilt (nebst VHS Video/DVD) unterstrichen die Onkelz mit messerscharf-warmen Vinylsound, dass sie zu einer live-haftigen Einheit gewachsen waren. Die Top 5 der Charts wurden erneut geknackt und das mit einem Livealbum!

 

Viva Los Tioz (1.998)

Mit "Viva Los Tioz" erschien nicht nur das erste Onkelz Album mit einem anderssprachigen Titel, sondern auch eins der besten seit "Es ist soweit", zumindest aus meiner subjektiven Sicht, wenngleich ich auch jedem Album dazwischen jede Menge abgewinnen konnte. Der Titel "Lang leben die Onkelz" durfte nicht nur als Versprechen, sondern im Nachhinein sogar als Prophezeiung gesehen werden, denn genau das tat die Musik der Böhsen Onkelz - sie lebte immer weiter und macht bislang keine Anstalten dies' zu ändern. "Viva Los Tioz" war ein weiteres Album ohne Durchatmer, die zum Luftholen Zeit ließen. 

"Hat man Euch nicht vor uns gewarnt..." fragte Kevin mit gefühlvoller Intonierung, nachdem ein Ausschnitt aus Tim Burtons spanischer Version des Films "Mars Attacks!" (*1.996) das Intro "Matapalo - Parte Uno" (Track 1) gegeben hatte. Mit dem Albumtiteltrack "Viva Los Tioz" (Track 2) entfernten sich die Onkelz wieder etwas mehr von der offensichtlichen Bandyhymne, was das Album zum Rundflug ansetzen ließ. Die Bewegung jedes Flügelschlags erzählte vom Blindflug ohne erkennbares Ziel (im Rausch) "Leere Worte" (Track 3), vom Kraftaufwand "Das Geheimnis meiner Kraft" (Track 5), vom Verlust "Der Platz neben mir - Part 1+2" (Track 9) -hier toppten die Onkelz ihren persönlichen Songlängenrekord-, vom Schmerz "Bin ich nur glücklich, wenn es schmerzt" (Track 11). 

Nicht ganz nebenher erteilten die Onkelz mit "Ohne mich" (Track 8) politisch gefärbten Leuten eine klare, eindeutige Absage. Genau genommen war seit "Deutschland im Herbst" alles gesagt, leider aber gab es immer noch ein paar übereifrige Nichtsmerker, die sich auf Kosten der Onkelz profilieren wollten. Am Ende steht über allem, dass wir alle nur Gäste der Zeit sind - "Der Preis des Lebens" (Track 10). 

"Viva Los Tioz" ist neben "Ein böses Märchen… aus tausend finsteren Nächten" (*2.000) das mit Abstand experimentellste Album. "Viva Los Tioz" lebte vom Klangbild und den kleinen Effektspielereien, während vor allem Pe's Drumparts immer stärker wurden und er erstmals (wenn ich mich richtig entsinne?) mit Double Foot Bass spielte. Das Kompositionsgespann Röhr/Weidner/Schorowsky hatte das musikalische Vermächtnis um ein Monument erweitert, das man nicht einmal mehr in Musikerkreisen wegreden/-ignorieren konnte - Platz 1 der Charts.

 

Ein böses Märchen … aus tausend finsteren Nächten (2.000)

Von sonnigen Flügelhöhen in die dunkeldüsteren, tiefen Abgründe des Lebens, hinein in ein wahrlich bö(h)ses Märchen. Mit diesem Album kann man den Besuch bei H. R. Giger verbinden, in dessen Museum die Onkelz den ersten offiziellen Videoclip (abgesehen vom D.I.Y. Clip zu "Von Glas zu Glas") zu "Dunkler Ort" (Track 2) drehten, bei dem Kevin wie ein Abbild aus der "Herr der Ringe" Saga wirkte, der in futuristischen Gigerwelten auf seinem Thron sitzt. Eine Rolle, die Kevin im Videoclip bravourös ausfüllte, trotz dessen, dass er nach wie vor selbst zwischen den Welten hin- und hergerissen wurde. 

"Dunkler Ort" lebt vor allem vom Experiment und den starken Gesangslinien, bei denen sich Kevin und Stephan Weidner's Stimmen ein kurzes High Five geben, um dann parallel zueinander zu agieren. Einen ähnlichen Effekt hatten Nirvana bei deren Überhit "Smells Like Teen Spirit" und anderen starken Songs vollführt. Die Onkelz wurden melodiöser. Das war allerdings kein Kalkül, sondern eine nachvollziehbare Entwicklung. 

Auf die Gitarrenarbeit von Gonzo war immer Verlass, er war quasi der Fels in der Brandung der Ideenmasse, was genug Raum ließ, um den anderen Onkelz dabei zuzusehen bzw. zuzuhören wie sie mit jedem Album musikalisch wuchsen. War Gonzo der musikalische Fels, so waren Stephan Weidners Texte das Meer, das dem Gesamtbild erst die Würze verlieh', während Pe's Schlagzeugspiel das Klatschen der Wellen in der Brandung war und Kevins Gesänge schließlich Schaumkronen im Bild hergaben - mal schäumende Attitüde, mal zaghafte Emotion. 

Die Onkelz führten auf "Ein böses Märchen..." durch eine Welt, die nicht nur bloße, futuristische Fiktion war, sondern durch die Welt wie sie sie sahen. Komprimiert und straight -"Exitus" (Track 3)-, resümierend (zumindest bzgl. der Stories aus der Bandbiografie) -"Schutzgeist der Scheiße" (Track 4)-, aber auch relativerend "C'est la vie" (Track 7) und dankbar "Danke" (Track 8). 

Erneut war es der finale Block, der einmal mehr hängen blieb und das teils wieder einmal unterbewertet. Ob das sich einbrennend-ehrliche "Zuviel" (Track 10), bei dem musikalisch ein moderner Ohrwurm gelang oder das fies-tödliche TV Resümee "Gesichter des Todes" (Track 11), das sicher nur bedingt die bekannte Filmdokureihe meinte bis hin zu dem sehnsüchtig-verträumten Instrumental "Panamericana" (Track 12), das mit den Stücken "Baja" und "A.D.I.O.Z." einer Art zeitlich-akustische Trilogiereise hergibt. Charterfolg inklusive und das als erste hauseigene Veröffentlichung unter dem eigenem Label "Rule23 Recordings".

 

20 Jahre - Live in Frankfurt (2.001)

20 Jahre Böhse Onkelz. Vom Jubiläumskonzert her früher geplant, aber durch einen Unfall von Onkelz Stimme Kevin Russell erst später als ursprünglich realisiert, was man dem Sänger auch bei seiner Performance in der Retrospektive per Doppel-DVD/CD anmerkt, dennoch gibt es die volle Kraft seiner Stimme serviert, zumindest der damaligen Form entsprechend. Was man damals als saustark empfand, kann er heutzutage toppen, trotz aller Auswirkungen seiner jahrzehntelangen Sucht, was just an dieser Stelle bedacht und erwähnt werden sollte. 

Was "20 Jahre - Live in Frankfurt" u. a. zum Pflichtkauf für jeden Fan macht, ist die ausgedehnte Setlist, bei der lange nicht gespielte- oder noch gar nicht Live gespielte Lieder zum Zuge kamen. Um nur ein paar Beispiele namentlich zu nennen, stechen für meinen Geschmack "10/20 Jahre", "Heilige Lieder", "Ein langer Weg" (von der CD/DVD 1) und "Benutz' mich", "Nichts ist für die Ewigkeit" und vor allem "Paradies", nebst des Bonus Mix "Alkohol" (DVD/CD2) hervor. Doch Geschmäcker sind verschieden. Fakt ist, dass die Onkelz sich zu einer starken Liveband entwickelt hatten und das trotz dessen, dass man in den ersten 10 Jahren nicht gerade viele Konzerte spielen durfte.

 

Dopamin (2.002)

Ebenfalls eines der grossartigsten Onkelz Alben, war "Dopamin", das von der Bedeutung her nach einem biogenen Amin, allgemein auch als Glückshormon bekannt, benannt wurde. Eine schlüssige Entwicklung, wenn man gedanklich an die eher düsteren Stücke von "Ein böses Märchen..." zurückdenkt. Mit anderen Worten folgte dem Dunkel endlich (mehr) Licht, wenngleich auch auf "Dopamin" viele Themenfacetten kritisch-rauen-, aber doch melodiöseren Tones besungen wurden. 

Im Vorfeld von "Dopamin" koppelten die Onkelz die Maxi-Single "Keine Amnestie für MTV" aus. Folge einer verdrehten Onkelz Darstellung in Form einer Art TV Doku (*"MTV Masters"), die von den ursprünglich Verantwortlichen anders geschnitten und geplant war. Das Coverartwork der Single wurde von Onkelz Bassist Stephan Weidner mit einer Guerilla Aktion bedacht, indem er mittels eines 40 Tonner LKW 150 alte Fernsehgeräte vor dem Rathaus abkippen/abladen ließ. Die Einfahrt zu den MTV-Barracken sei zu "mickrig" (O-Ton) gewesen, andernfalls hätte man den TV Trash symbolisch direkt vor den Türen des MTV Zentrums abgeladen. Am Ende wurde Stephan Weidner von der Polizei abgeführt und gegen Kaution kurze Zeit später wieder freigelassen. 

Teil der Single waren zwei Tracks vom kommenden Album ("Keine Amnestie für MTV", "Narben"), sowie zwei Coverversionen. Einmal "Coz I Luv You", Original von Slade (*1.971 erschienen) und das pornöse-, von Stephan Weidner gesungene "Je T'aime... Moi Non Plus", im Original von Serge Gainsbourg im Duett mit Brigitte Bardot (*französische Schauspielerin) und Jane Birkin (*britisch Schauspielerin & Sängerin). 

Die Aufnahmen zum "Dopamin" Album fanden in Ibiza statt und wurden in den legendären Abbey Road Studios (*u.a. nahmen The Beatles in diesem Studio auf) in London dem Finale zugeführt. Michael Mainx als Co-Produzent sollte den Onkelz Sound einmal mehr bereichern.

Das collagenartige Coverartwork folgte dem modern-schnittigen Grafikstil seit "E.I.N.S.", was mittlerweile zum Gesamtprodukt bei den Veröffentlichungen der Onkelz gehörte. 

Mit "Die Firma" (Track 1) als Einstieg und dem ersten Ohrwurm "Narben" (Track 2) bemerkte auch der noch frische Onkelz Fan damaliger Tage, dass die Onkelz sich stilistisch noch immer weiterentwickelten. Es rockte wieder direkter, aber eben auch deutlich melodischer. Kevin sang auf neuen Ebenen. Drive und Groove vermählten sich sexy und forderten zum Nachdenken und zur Weiterentwicklung auf - "Macht für den der sie nicht will" (Track 3), der Ton Steine Scherben gedanklich neu interpretierte oder auch das Zunge schnallende "Mutier mit mir" (Track 4). Zu "Keine Amnestie für MTV" (Track 5) konnte man sich per Bombastdrumming von Pe direkt in die Wand einarbeiten lassen, während "Wie kann das sein" (Track 6) lauthals berechtigte Fragen stellte, die vor allem pädophilen Sextourismus ins Visier realitätsnah nahmen. Traurig, aber wahr, dass gerade die kritischen Themen der Onkelz Lieder selbst heute nichts an Aktualität verloren haben. 

An "Dopamin" war vieles neu - die Stilauslegung der Arrangements, die Themen (größtenteils), sowie die Lockerheit, mit der die Songs auf diesem Album butterweich ins Ohr flossen. Auch der Humoranteil war selten höher auf einem Onkelz Album und das ohne in billigen Klamauk zu verfallen. Die ungeschriebene Regel des abschließenden Drei-Song-Blocks zum Abschluß bot auch auf "Dopamin" wieder einmal Ohrenfang pur. Während "Keine Zeit" (Track 10) das wellenartige Gitarrenspiel im Zusammenspiel mit der Melodieführung durch die Gesangsparts wie einen Kuss, der durch die Gehörgänge schwebt, erscheinen ließ, ging "Jetzt oder nie" (Track 11) mutig und spontan in Richtung Neuland und erschuf parallel eine Art Sehnsucht/Fernweh, die bessere Tage herbeisehnt. Auf meinen Wegen war dieser Song oft Antrieb an der Hoffnung festzuhalten. 

Zum Abschluss Auflockerung mit Heinz Ehrhardt im Gepäck -"Nur wenn ich besoffen bin" (Track 12)-, Momente, die wohl jede/-r kennt.

 

Adios (2.004)

"Unverhofft kommt oft." heißt es in einer Weisheit. Diese sollte ihren Wahrheitskern B-halten, sowohl beim Abschied der Band, wie auch bei der Wiederkehr der Band. Beides hielt sicher kein Fan für möglich, vielleicht nicht einmal die Onkelz selbst?

Dieses damals "letzte" offizielle Onkelz Album (abgesehen von dem folgendem Livealbum und der DVD vom Lausitzring) wurde stilecht in der Homebase in Frankfurt/a.M. aufgenommen. Das letzte Mal sollte das "Feuer" (Track 1) kraftvoll entfesselt werden und genau das schafften die Onkelz, ganz so als sei es ein sich selbst gegebenes Versprechen. Natürlich, der Sound war abermals modern und lief nun nicht mehr ganz so dreckig durch die Strassen der Zeit, aber die Onkelz hatten es einfach noch - "Immer auf der Suche" (Track 2). Rhythmisch rockend gingen die Onkelz z. T. wieder zurück zu den Punk Wurzeln, irgendwo zwischen den Ramones und den Pistols. Obendrauf einen ordentlichen Nachschlag Onkelz - "Sowas hat man..." (Track 4), "Ja, ja" (5), "Fang mich" (7) oder das zum Refrainteil hin kurzzeitig durchdrehende "Lass mich gehn" (Track 6), das über weite Strecken als Chilloutsoundtrack agieren könnte. 

Aber auch Gänsehaut und Freiflugweiten gab es frei Haus serviert. "Einmal" (Track 8) sprengte bei mir sämtliche Dämme, nachdem mich eine liebe krebskranke Freundin weinend angerufen hatte ich kurz danach "Einmal" hörte. "A.D.I.O.Z." war das Ende einer verdammt langen Umarmung, so in etwa wie der Moment an dem Eltern oder Freunde einen in die Welt ziehen lassen und man wirklich frei ist. Für mich persönlich sinnig und in sich stimmig, zumal es das 17. Studioalbum der Onkelz war. Und im nächsten Moment wird einem bewusst, dass man immer einer der - "Kinder dieser Zeit" (Track 9) war. 

Und auch zum Ende hin wurde nicht das Ausrufezeichen als Statement vergessen, das nun (anders als beim "Onkelz wie wir..." Album) Worte gefunden hatte - "Hass-tler" (Track 10). Allein angesichts der faktischen Tatsache, dass es die Onkelz gute 10 Jahre nicht aktiv als Band gab und die beschriebenen "Hass-tler" extremen Zulauf verbuchen konnten, ist es ein weiteres gutes Argument, warum diese Zeit die Onkelz noch sehr lange Zeit braucht, denn es gibt auch heutzutage keine andere Band, die Leute in allen Lagern/Schichten so erreicht wie es die Onkelz noch immer tun. 

Wie Kevin Russell selbst einmal fast feststellend, aber treffend sagte, dass vielleicht alles genau so kommen musste?! Vielleicht musste der "Prinz Valium" (Track 13) erst seinen eigenen-, sich selbst gegenüber ehrlichen Abschied von allen Suchtmitteln finden, um wirklich frei zu werden bzw. frei zu sein?! 

Tränenreich war der damals langatmige Abschied dennoch -"Ihr hättet es wissen müssen" (Track 14)-, die schonungslose Feststellung nach innen und außen, bevor das wunderschöne Instrumental "A.D.I.O.Z." (Track 15) dieses Album und noch viel mehr besiegelte. Das Licht ging aus, ein gehauchtes "Danke!" zum Abschied. Abschluss 1.0.

 

Live in Hamburg (2.005)

Der Abschied auf Raten ging weiter. Man kennt das ja, wenn man mehr als einmal "Tschüss, mach's gut." sagt. Vielleicht war man damals als Fan auch ein wenig Masochist und streute sich (einem Borderliner nicht unähnlich) das Salz direkt in die Wunden, um zu spüren, dass man wirklich noch lebte. Das Ende der Onkelz war nun einmal nicht das Ende des eigenen Lebens, es fühlte sich allerdings ein Stück weit so an als hätte man die Familie weggenommen bekommen bei der man nie allein gelassen worden war. 

Dieser Einstimmung auf dem Endzeitweg hin zum Lausitzringfinalakt in Kevin Russells ehemaliger Heimatstadt Hamburg brachten sie die volle Ladung Onkelz durch den Zeitäther und das zeitlos. Hart, direkt, versöhnlich und auch mit etwas Ohnmacht im Nacken, gerade wenn man an Kevins Schrei zu Beginn von "Hier sind die Onkelz" (Track 1) zurückdenkt. Ich habe die Bilder von Kevin noch immer vor Augen wie hilflos er all' dem gegenüberstand und bei Ankunft an der Hamburger Location erzählte, dass auch bei ihm die Dämme gebrochen waren als er vor dem Konzert allein im Hotelzimmer war. Das Konzert, das letzte Doppelalbum - damals endgültig.  

Alles weitere, albumbetreffende kennt jeder Fan mit Sicherheit in- und auswendig. Sowohl Artwork, wie auch Lieder, von daher erspare ich die ausweitende Analyse der Einzeltracks an dieser Stelle auch. Was allerdings faktisch zu diesem Album gehört, ist die überkrasse Geste, die auf dieser Abschiedstour erstrmals von den Fans der Onkelz auf beeindruckende Weise als Dank & Respektsbekundung gezeigt wurde. Eine ganze Halle kniete vor ihren Idolen nieder, während die Band spielt. Ich kenne weltweit keine Band, der von ihren eigenen Fans eine solche Geste entgegengebracht wurde. Bezeichnend. 

 

Onkelz wir wir... (Neuaufnahme) (2.007)

Sicher kein Fanherz muss alles gut finden was eine Band macht, aber es kann zumindest einen Versuch wagen sich selbst ein Ohr/Bild zu machen und sich ggf. überzeugen lassen. Im Falle der Neuaufnahme des "Onkelz wie wir..." Albums, was die Onkelz bereits 2.004 entschlossen hatten, verhielt es sich so, dass es um die Rechte am Originalalbum ging. Typisch Onkelz, sagte man sich nach längerem Rechtsstreit "Arschlecken!" und spielte eine frische, kraftvolle Version aller Songs neu ein. Einmalig in der Onkelz Geschichte. 

Nicht nur, dass der Sound sich vom Original zwar deutlich unterschied, aber im neuen Gewand auch seinen dankbaren Reiz mitbrachte. Nicht nur, dass das tragende Gerüst der Instrumente mit deutlich schärferen Saiten bewusster machte welche Ideen hinter den Arrangements von 1.987 steckten und nichts an Reiz und Anziehungskraft verloren hatten. Lediglich die Art des Gitarrenspiels erscheint hier etwas sauberer eingefangen/produziert. 

Aber auch Pes Punch macht bei diesen Neuaufnahmen deutlich mehr Druck her, was wiederum Kevin mit seiner rotzigen Stimme zuspielt, während Stephan Weidners Bass wie der Kitt an der Karre wirkt. -"Von Glas zu Glas" (Track 2)

Der klangliche Unterschied wird vor allem bei "Erinnerungen" (Track 3) sehr deutlich. Nicht nur, dass die Pianoparts nicht wie beim Original klingen, auch der Hall auf Kevins Stimme wurde hier natürlicher belassen, wie man es unzählige Male schon bei den Konzerten umgesetzt hatte. Nicht zuletzt sind diese Neuaufnahmen ein guter Beleg für die Entwicklung der Böhsen Onkelz als Musiker, was natürlich gerade bei Kevins Gesängen bewusster wird. Für Musikbekloppte ist dieses Album ein absolutes Must Have. Lieder wie "Schöner Tag" (Track 8) z. B. haben so rein gar nichts an Drive eingebüßt, während "!" (Track 10) noch eine Ladung mehr Speed im Metal hören lässt. Ein "Holy Shit!" der Begeisterung.

 

Lieder wie Orkane (2.011)

4 CDs + 1 DVD. Rundumschlag, musikalische Fach(text-)lektüre. Früher, heute, gestern, jetzt - irgendwas mit "Rundumpaket" im geschnürten Box(en)teil. Und das alles sehr schick aufbereitet, inklusive einiger rarer Livetracks in Bild und Ton, unverblümt und geradeaus wie immer. 

Zugegeben man hat seinerzeit so bei sich gerätselt, ob diese liebevolle Compilation vielleicht ein Zeichen wäre, dass die Onkelz vielleicht doch wieder zurückkehren würden? Von Spekulationen und Wunsch-Gerüchten lebte der Mythos Onkelz ja schliesslich auch ein Stück weit über die Jahrzehnte fort, wenn man es auch mal positiv betrachtet. Am Ende konnten die Onkelz selbst (als in jenen Tagen inaktive Band!) noch einmal die Top Ten der Charts knacken und Platz 7 der Charts einfahren, was den international grossen Namen der Chartnachbarschaft in nichts nachstand/-steht. Wer hätte gedacht, dass man anno 2.015 ein neues, offizielles Album der Böhsen Onkelz (unter aktiver Mitwirkung von Matt "Gonzo" Röhr an der Gitarre bei einigen Liedern) in den Händen halten würde und das alles von einer seit 2.013/2.014 neu vereinten Band - das Blut der vier Brüder ist eben doch dicker als jede Saite, jedes Fell, jeder Stimmmuskel, jede Membran auf diesem Planeten.

 

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*Die Review zu "35 Jahre - Symphonien und Sonaten" findet Ihr unter der normalen Reviewrubrik hier auf schafe-schuesse.de. Verzeiht bitte den etwas peinlichen Schönheitsfehler, dass Matt Gonzo Röhr als Gitarrist bei dieser Review unerwähnt blieb.

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Well done. Die Reviewreise durch die Onkelz Historie ist geschafft. Tagelange Tiparbeit ist nun getan. Cheerz!

Danny B.

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