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BÖHSE ONKELZ "Memento"

Künstler/Band und Albumtitel: 

Erscheinungsdatum: 

10-2016

Label: 

Genre(s): 

Über kaum eine andere Band wurde (immer wieder) so viel diskutiert, geredet, berichtet und gerüchtelt wie über die vier Frankfurter, die mit "Memento" nach 12(!) Jahren (abgesehen vom Klassik Album; 2.015) Studiopause wieder ihrer "Arbeit" nachgehen. Gerade in Fankreisen wurde seit Jahren nichts so sehr diskutiert und heiß erwartet wie dieses neue Album. Die große damokles-einschneidende Frage, die über allen Fragen thronte, war die, ob die Frankfurter Institution noch immer sattelfest im Handwerksfahrtwasser sitzt oder ob es ein bloßes "Verwalten" und Erweitern des Backkataloges wäre? 

Dass die Onkelz mit hohem Druck umgehen können, sollte jede/-r Fan/-in längst wissen. Dass die Onkelz ihr jeweiliges Instrument nicht verlernt haben, kann jede/-r Interessierte/Fan/-in an deren jeweiligen/-m Soloalben/-album hören. Die weitaus interessantere Frage ist eher die danach, was nun aus den tausenden Bands wird, die den Grundstil der Onkelz über Jahre/Jahrzehnte adoptiert- und bis zum Erbrechen ausgeschlachtet haben? 

Ich für meinen Teil war-, genauso wie Millionen Fans und sonstige Musikinteressierte auch, äußerst gespannt wie sich die Böhsen Onkelz anno 2.016 wohl anhören mögen? Wie immer, wenn ich mich auf Musik einzulassen gedenke, versuchte ich es ohne jegliche Erwartungen subjektiver Natur anzugehen, here I/we go...

Schon allein das Artwork geht back to the Roots und erinnert dank der Aufbereitung etwas an die Bandbiographie bzw. die Einspieler bei Einzelsongs zu "Adios" (*2.004). Naturgemäß macht dieser sinngemäße Anknüpfungspunkt auch Sinn, denn "Adios" hallt mit dem "Feuer" dessen nach, das bei vielen eine Art fiktive Brandnarbe hinterlassen hat. Zur sichtbaren Werkschau in Sachen "Narben" in "Memento" werden all' die farbveredelten Tattoos der tausendfach bei den Onkelz eingesandten Bekenntnisse zu den Frankfurtern. Allein schon dieses fast wahnsinnige Unterfangen das alles im Booklet unterzubringen, ist typisch für die Onkelz. "Geht nicht." gibt's im Onkelz Universum wirklich nur dann, wenn die Möglichkeiten dementsprechend dünn gesät keine Realisierung zulassen oder aber einer der vier Onkelz sein Veto einlegt.

Offen gesagt war es auch für mich ein besonderer Moment als ich zum ersten Mal seit 12 Jahren wieder ein neues Onkelz Album per Playtaste durch den Raum jagte. Regelrecht ehrfürchtig wartete ich und wollte diesen intimen Moment sogar mit jemand sehr wichtigen in meinem Leben teilen, konnte es dann aber nach gut zwei Stunden doch nicht mehr abwarten und stieg ein, um auf die "Memento"-Reise zu gehen. 

Als "ungewohnt", ein "neues-, aber doch vertrautes Gefühl" kann ich diese Erstanfahrt beschreiben, als ich "Gott hat ein Problem" (Track 1) zum ersten Mal hörte. Auf tiefenentspannte Weise geht es onkelz-typisch los. Man kann es gut mit einer geliebten Oldtimerkarre vergleichen, man fährt immer im ersten Gang mit Liebhaber-Feeling an. Die kleine Sehnsucht nach besseren Tagen schwingt mit und packt irgendwie direkt. Ich für mein Er-Leben wurde demütig und bin auch jetzt noch dankbar diesen Moment des neuen Onkelz Kapitels miterleben zu dürfen. Das hat etwas von Pole-Position auf dem Ring des Lebens. "Frei" (Track 2) scheint dabei das zutreffende Stichwort, sowohl aus Bandsicht, wie auch aus Fan-/Hörersicht. Frei vom Korsett der Erwartungen auf beiden Seiten der Medaille. Musikalisch klingen die Onkelz wieder (wie immer) eigenständig, fernab von den eingangs angesprochenen Bands, die den Onkelz-Pfad über ein Jahrzehnt hinaus ausgetreten haben wie einen Trampelpfad. Was diesen Bands gegenüber dem Original fehlt, ist Kevin Russells Stimme, die im Refrainteil den nächsten Gang auf der "Memento"-Fahrt einlegt, während Gonzos Gitarrenspiel das Ganze mit dem nötigen Drive garniert. Man merkt dass hier noch genug Fahrtwind aufkommt, wenn auch etwas milder vorerst.

Auch textlich geht es locker zu. Auf jeden Fall hat es "Memento" keinesfalls geschadet, dass sich bei diesem Album alle vier Onkelz bewusst gewollt an den Liedern beteiligt haben. Es lässt alles komplett-, runder wirken, was es vom Fluss her auch so angenehm macht, sich kopfleicht auf "Memento" einzulassen. Da haben die Onkelz 'ne grosse Portion Erfahrung und Feingefühl einfließen lassen. Jeder hat Gewicht in der Waagschale, was bei "Markt und Moral" (Track 3) zunächst hörbar zugunsten von Stephan und Pe geht. Vor allem der unterfütternde Beatteppich von Pe legt das perfekte Fundament, um Gonzo in "E.I.N.S." Nähe aufspielen zu lassen. "Wir haben den Teufel reingelassen, nun sollen wir lieben was wir hassen..." ist dabei nur ein Satz, der diese Zeiten zwischen Kosum, Chaos und dem Kampf mit den täglichen Schulterlasten an penetrant-präsenter Informations- & Reizüberflutung klarzukommen, auf den Punkt bringt. Ganz neu dabei ist der quasi nüchtern-melodiöse Klang von Frontmann Kevin, der bei "Jeder kriegt was er verdient" (Track 4; Anspieltip I) eine verdammt starke Performance hinlegt. Genau so klingen die Böhsen Onkelz heutzutage, zumindest würde ich jedem/jeder, der/die mich fragen würde wie die Onkelz 2.016 klingen, dieses Lied chronologisch als Erstempfehlung mit auf den Weg geben. Typisch rauer-, aber doch liebevoller Charme. Wenn eine Band je mit Herz zugeschlagen hat, dann ist dieser Song ein gutes Beispiel dafür.

Unterstrichen wird die raue Oberfläche mit dem epischen Sofortzünder "Mach's dir selbst" (Track 5; Anspieltip II) u. a. auch mit dem immer noch lebendigen "Wilde Jungs" Herz auf der Zunge. Klar, die Message ist nicht neu im Onkelz Universum, aber "Leg' die Karten auf den Tisch, sei was Du wirklich bist." ist auch nach dem tausendsten Durchlauf noch stimmig sinnvoll. Zumindest in meiner Wahrnehmung mit Rundblick auf diese Zeiten. Die Dinge sind einfach. Er-/beschweren tun wir selbst uns alles. Einfach mal "Mach's dir selbst" einlegen, hinhören, Hand an's eigene Dasein legen, abgehen/an sich arbeiten, mitnehmen und der Knoten im Wegfluß löst sich wie von Zauberhand.  

Die Onkelz mögen für einige Oberflächenkratzer/Alltagsnörgler mittlerweile zu erfolgreich geworden sein, aber jeder Schritt dahin (das sollte man nicht außer acht lassen) wurde hart erarbeitet. Ich für meinen Teil freue mich vor allem, dass selbst die punkigen Ursprünge stellenweise durchkommen, wie man sie bei "Irgendwas für nichts" (Track 6) vernehmen kann. Punk-rockiger Driver mit einem attitüdeschäumenden Kevin vorn dran. Das volle Lebensbrett, festgenagelt an das gesellschaftlich-inszenierte Sterbebett.

Mit "Wo auch immer wir stehen" (Track 7; Anspieltip III) geht der Walk durch die Gänsehautschauer los und führt dabei auch durch die Tränenkanäle. Wehmut, Erinnerungen, Demut, Dankbarkeit, Angst... hier verschmilzt die Vergangeheit mit der Gegenwart. Gesegneter Goldguß im Lebensfluß dieser Momente, ver- und ewig-t. Man möchte direkt die Schuhe anziehen und sich bei allen entschuldigen, denen man je (bewusst oder unbewusst) weh getan hat. Dieses Lied erdet, reflektiert und hilft tiefenbewusst im Hier und Jetzt zu leben. Es gibt keine Garantie, dass das Morgen sicher ist. Essenziell! Ich kann mich nur dankbar vor den Onkelz verneigen. Nicht nur für dieses Lied, aber auch dafür. Genau an dieser Stelle (spätestens!) macht dieses Album doppelten Sinn für mich.

Gut, dass "Es ist sinnlos mit sich selbst Spaß zu haben" (Track 8) diese Erdung nicht unterbricht, sondern thematisch und auch musikalisch weiterführt. Ein klein wenig fährt hier der "Dopamin" Spirit als Beifahrer mit, ist aber von der Selbstkopie weit entfernt. 

Dass die Onkelz nie nur Punk oder nur Rock waren, weiß man. Logisch, dass auch Metal immer eine gewisse Rolle spielte. Zwar fahren die Onkelz auf "Memento" keinen Metal in dem Sinne auf, streifen aber hier und da dessen Kanten. Vor allem Black Metal Fans kennen die reale Story hinter "Der Junge mit dem Schwefelholz" (Track 9; Anspieltip IV), das eher vom Blues durchzogen ist. Chillig und in jede Bar passend. Immer wieder durchfährt ein comicartiges Videoszenario mein Kopfkino, wenn ich diesen Song höre. "Sin City" irgendwie, aber doch bitter wahrhaftig real. 

Und um noch einmal auf den Metal Einfluss zurückzukommen, jeder Metalhead wird vor allem beim Hören von "Nach allen Regeln der Sucht" (Track 10; Anspieltip V) sofort "SLAYER!" rufen. Und ja, stimmt wirklich - "Dead Skin Mask" (und etwas "South Of Heaven") schwingen hier auf den Saiten mit. Wer hätte das gedacht?! Onkelz und Metallica war gestern (*"Könige für einen Tag"), heute gilt Onkelz und Slayer. ;-) Thematisch lässt es vor allem aber Kevin Russells bzw. den Alltag von jedem/jeder ehemals Drogensüchtigen ein wenig grundverstehen. Konsequent sticht vor allem das Versprechen "Leb' wohl liebes Gift." heraus. Man kann nur hoffen dass "Nach allen Regeln der Sucht" auch auf der kommenden Tour mit im Liveset ist.

Was nun in etwas tiefsinnigere Gewässer geführt hat, wird von neuem Singalong Futter abgelöst - "Auf die Freundschaft" (Track 11). Ehrlich gesagt reißt mich "Auf gute Freunde" im Direktvergleich mehr vom Hocker, aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. ;-) Dann doch lieber neuen "Wir ham' noch lange nicht genug" Spirit per "52 Wochen" (Track 12; Anspieltip VI). Ein gutes Argument sich auf bessere Tage/Jahre zu freuen. 

Unter'm Strich reiht sich "Memento" in die einst ungeplant-liebevolle Tradition ein täglich den Weg in die Ohren zu finden. Die ewigen Nörgler werden immer etwas zu meckern haben. Jede/-r, der/die je Gefallen am Onkelz Sound hatte, wird hier wieder einer in sich geschlossenen-, vertrauten Band begegnen, die ihre Stärken neu definiert. 

9,5/10 Schafe Schüsse

(Matapaloz/Tonpool 2.016)

http://www.onkelz.de/

https://www.facebook.com/boehseonkelzoffiziell/

Danny B

Schaf Schüsse: 

9
Eigene Bewertung: 9

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Kommentare

Die Lyrics erscheinen erneut

Die Lyrics erscheinen erneut im Gewand einer Pseudo-philosophischen Umnachtung. Das Gewand der Umnachtung hat den Verstand vom Texter Stephan Weidner nun vollkommen verschleiert. Dennoch scheint es, als hätte diese Bewusstseinsstörung, nicht immer die Vorherrschaft in Weidnerˋs Gehirn übernehmen können. Die Refrainbegleitung von Stephan Weidner ist verantwortlich, für die Agonie des Hörers, welche mit der Passion Christi, bei dessen Kreuzigung, zu vergleichen ist. Auf Erlösung wartet der Hörer jedoch vergebens. Stattdessen findet er sich auf dem finsteren Boden der Verdammnis wieder, erbarmungslos gepeinigt, durch den Refrain Stephan Weidnerś. Doch sind die Protagonisten weniger mit Sünde befleckt. Durch Vermeidung lächerlicher Peinlichkeiten und dem Verzicht menschlicher Hybris, wie es bei den Studioalben, die nach "Es ist soweit" veröffentlicht wurden, der Fall war. Es bleibt zu hoffen, das die Protagonisten, insbesondere Stephan Weidner, vor zukünftigen Projekten, NICHT erneut der Versuchung widerstehen können, sich an den verbotenen Früchten, vom Baum der Erkenntnis zu laben, auf das sie sich ihrer Unvollkommenheit bewusst werden. Das eine Rehabilitation der Nomenklatur "Böhse Onkelz" erschaffen werde, durch die Gnade und Barmherzigkeit, enttäuschter Anhänger. So das, die Befreiung, aus der Gosse der Schande, erreicht werde. Das, das Wunder der Wiederauferstehung erfolge und Stolz und Ehre aus vergangenen Tagen wiederbelebt werde (Verf.Renee Nötzel 2016). 

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Hallo Renee,

Hallo Renee,

ganz schön viel überzogen-verpackter Pathos-Tobak, den Du da vom hohen Ross ablässt. Sicher, Geschmäcker sind verschieden, aber direkt eine Band zerreißen wollen (und das bezogen auf alle Alben nach "Es ist soweit"), ist mir persönlich zu offensichtlich darauf gebürstet sich zu profilieren bzw. von den Onkelz selbst wahrgenommen zu werden. 

Ich höre selbst Onkelz seit ca. 1.988 und finde "Memento" klasse. Sicher, es ist modern vom Sound her und unterscheidet sich von bisherigen Onkelz Alben (was bei jedem Album schöne Tradition war), aber hey, die Onkelz sind nun einmal nicht dem Stillstand verfallen. 

Jede/-r Musiker/-in, die/der z. B. in einer Hauptband und einem Soloprojekt aktiv ist, weiß, dass immer eine persönliche Note mitfließt. Ich finde es interessant die Onkelz zu hören, NACHDEM sie alle solo mit ihren Bands aktiv waren. Wer will schon einen lauen Aufguß früherer Alben? Ich nicht. Dann gäbe es die Couchkritiker nämlich im selben Maße wie aktuell. Klar, Du weißt Dich auszudrücken, allerdings wirken mir Deine Worte zu sehr am Reißbrett zurechtgebastelt, zu subjektiv dahingefeuert, ohne z. B. musikalisch-greifbare Argumente anzuführen. 

Klar, ich mag auch die Alben der End-'80er Ära und der '90er Jahre vorzugsweise nach wie vor mega gern, aber lieber eine Platte, die mal neben den üblichen Erwartungen fährt, als einen lau-lieblosen "Mexico" Neuaufguß. Wenn Du also ernsthaft kritisieren möchtest, schreib' doch einfach selbst eine Review mit anderen Argumenten/Zielen als aus gekränkter Erwartung heraus zu dissen, in Aufmerksamkeitshascherei zu verfallen und überzogenem Pathos vom Stapel zu lassen. Um "Stolz und Ehre" mache ich mir beim Hören jedenfalls so absolut keine Gedanken.  

In diesem Sinne,

DB. (*Verfasser der Review hier)

Das ist ein Onkelzhasser der

Das ist ein Onkelzhasser der exakt den gleichen Kommentar unter alle positiven Reviews des Albums setzt um Aufmerksamkeit zu erhalten.
Bei solchen Leuten geht wahrscheinlich die gleiche kranke Hysterie im Kopf ab, wie bei Leuten, die vergiftete Hunde-Leckerchen in Vorgärten werfen.

"Böhse Onkelz - Memento auf

"Böhse Onkelz - Memento auf Platz 1 der Charts! Ein weiteres, erfolgreiches Album, erneut hervorgerufen, durch die unheilvolle Symbiose von Stephan Weidner und Herrmann Hesse. (Hesse trifft Hesse) Erfolgreich durch abermalige Verwendung, des geistigen Horizonts von Herrmann Hesse. Beschäftige mich seit 1986 mit den Onkelz und verehrte Sie bis ca.1992. Bis zur deren Verwandlung zu pseudo-Philosophen und ihren Motivations/Verständnis Texten, vermutlich, um das Leben der gescheiterten unserer Gesellschaft, etwas erträglicher zu machen, beim hören dieser Musik von heute. Damals motivierten die Onkelz uns mit ihrer Musik deren Texten zum provozieren, saufen, Feiern, pogen, rebellieren und manchmal auch zum Treffen mit gegnerischen Fußballvereinen, um sich gegenseitig in den Arsch zu treten. Goile Zeit war das. Aber mit knapp 50 werde ich auch ruhiger. Duevonkekz auch, ist ok. Aber sie sollten mit Würde für immer die Bühne verlassen.

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